fantasmagorique

- être dans la lune

Pariere, lieber Bewerber! 5 September, 2008

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Bei der regelmäßigen Lektüre des Job-Newsletters der ZEIT bin ich heute in der Septemberausgabe auf eine interessante Überschrift gestoßen. Da für mich auch bald die Zeit beginnt, regelmäßig Bewerbungen zu schreiben und -hoffentlich- auch der Durchlauf einiger Bewerbungsgespräche, habe ich mir den Abschnitt zum Thema „Fangfragen parieren“ einmal etwas genauer durchgelesen.

Wie verhalte ich mich also einem Personalverantwortlichen gegenüber richtig?

Die ZEIT hat sich hierbei Rat von den Buchautoren Carolin und Heiko Lüdemann geholt und verweist anschließend auch auf das entsprechende Buch („Fangfragen im Vorstellungsgespräch souverän meistern“).

Was geben die beiden Experten einem jungen Bewerber denn nun mit auf den Weg?

Ich zitiere aus dem Newsletter:

„Der Personaler will wissen, wie Sie zu Überstunden stehen. Sie sagen: ‘Kein Problem, die habe ich beim letzten Job auch abgerissen, Arbeit lässt sich eben nicht immer im Voraus planen.’

Das ist die falsche Antwort, sagen Carolin und Heiko Lüdemann. Tatsächlich klingt das nämlich so:

‘Ich komme selten mit meiner Zeit aus, daran habe ich mich schon gewöhnt, und mein Privatleben ist mir auch nicht sonderlich wichtig.’

Das geht besser, sagt das Autorenpaar.“

So sehr kann man sich also täuschen. In der Kurzbeschreibung zum Buch lese ich bei amazon.de :

„Ein Übungsbuch, das Meister macht.“

So sollen also die zukünftigen, meisterhaften Bewerber aussehen? Gerade die ZEIT hat in ihrer letzten Ausgabe vom 28. August in einem großen Artikel über ‘Die traurigen Streber’ berichtet. Jens Jessen fragt dort treffend, wo die Kritik und der Protest der Jugend geblieben ist. Fast alle jungen Menschen unterliegen aus seiner Sicht heute einem „erbarmungslosen Leistungs- und Anpassungsdruck [...]  (in der stillen Hoffnung) so schnell wie möglich zum Haifisch zu werden“. Recht hat er. Traurig ist diese Feststellung zugleich auch.

Eine ganze Generation wird scharf für ihr Verhalten kritisiert, und gleichzeitig drücken die Kritiker den Berufsanfängern, die „…bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit und jede ethisch bedenkliche Praxis (akzeptieren)“ ein Buch als Tipp in die Hand, welches Menschen dazu motivieren soll, überzeugend zu vermitteln, dass ihr Privatleben ihnen sowieso nicht sonderlich wichtig ist.

Wäre ich Personaler, und ein Bewerber würde im Brustton der Überzeugung diese Aussage treffen, er käme nicht in die engere Wahl. Das Wort allein sagt schon, dass der Mensch auch über Menschlichheit verfügen muss als wesentliche Kompetenz. Die Wirtschaft braucht keine gleichgeschalteten Bewerber, die mit einem leeren Blick ihre auswendig gelernten Sätze abspulen.

Gleichzeitig ist aber auch der Bewerber gefragt. Er muss den Mut haben, eine Meinung haben zu dürfen, die nicht indirekt beinhaltet: Privatleben? Brauche ich nicht, ich arbeite doch.

Mutig sind nur die Menschen, die sich ihr Denken und auch nicht ihre Gefühle verbieten lassen. Nur dann können sie auch die von der Wirtschaft geforderte Leistung erbringen – freiwillig, weil sie gerne arbeiten.

 

Béla Réthy philosophiert über Flüssigkeiten 23 Juni, 2008

Gespeichert unter: Leben — fantasmagorique @ 8:34

Gestern hatte ich  mir eigentlich fest vorgenommen, nicht das Spiel Italien-Spanien zu schauen, da mich weder die Elf von dem optischen Methusalem Aragones noch die Elf des in die Jahre gekommenen Mailänder Laufstegmodels Donadoni sonderlich reizte. Ich vermutete, dass die Italiener sich wieder – wenn Herr Fanderl so typsich deutsch und böse mit den roten Flecken im Gesicht guckt – schmerzverzerrt ans Schienbein fassten, und die wendigen smartartigen Spanier jede Lücke für ein Foul nutzen und mit hochgezogenen Augenbrauen sowie Händen beteuern: He bailado! Madre de Dios!

Und? Es war so wie immer. Gerade, als mir selbst auch schon die ojos wegsackten, musste Béla Réthy mal wieder einen seiner fast immer gänzlich überflüssigen Kommentare der Welt da draußen an den Kopf werfen.

Gut, das Spiel war in der Tat langweilig, und für Béla Réthy sicherlich auch nicht gerade leicht, nicht den Kopf auf den Tisch sacken zu lassen, wobei er nur in einem regelmäßigen Abstand von zwei Minuten sagen musste: „David Villar…er ist kurz vor dem Strafraum, und… oh, doch kein Tor.“ Dann konnte er (eigentlich) weiterschlafen. Aber wahrscheinlich in einer dieser kurzen Aufwachphasen bekam er Durst. Seine Kehle war trocken, und er sah die verschwitzten Spieler.

Die 90 Minuten waren fast um, und auch die Spieler nutzten nicht mehr flitzend jede Lücke sondern trabten ganz sanft wie ein Dromedar über das Feld. Béla Réthy wäre nicht Béla Réthy, hätte er kein Mitgefühl.

O-Ton: „Ja, so ist das, auch das Spiel der Spanier ist nach knapp 90 Minuten nicht mehr so flüssig … Kein Wunder, bei dem Flüssigkeitsverlust.“

Ich glaube, bei Herrn Réthy zeichnete sich auch ein ausgeprägter Flüssigkeitsverlust ab.

Als dann am Ende das spanische Königspaar nach dem Sieg der Spanier im Elfmeterschießen eingeblendet wurde, sagte er: „Tja, wenn das Königspaar nicht das Königspaar wäre, so wälzten die beiden sich sicherlich auch auf dem Boden vor Freude.“

In diesem Moment schaltete ich den Fernseher aus und hoffte, Béla Réthy würde mal einen richtig großen Schluck aus dem Wasserglas nehmen und erstmal richtig schlafen. So wie ich dann auch. Um seine Kommentare auch ganz schnell wieder zu vergessen.

 

Komplexe Zeitfunktionen steigern Bohnenkompetenz 24 April, 2008

Gespeichert unter: Leben — fantasmagorique @ 8:34

Die Zeit in der Ferne ist vorbei, und nun stehen die harten Fakten im Vordergrund. Meine Diplomarbeit. Das Problem: Zeit und Kopf wollen nicht korrelieren.

 

Grundsätzlich wäre die allgemeine Korrelationsregel anzuwenden, aber da es sich in diesem Fall um eine „komplexe Zeitfunktion“ handelt – Wie kann ich es schaffen, dass Datum (= Zeitpunkt der Abgabe) und Attribut (=zu schreibende Diplomarbeit) auf eine vernünftige und vor allem für eine Studentin erträgliche Art und Weise miteinander korrelieren? – , ist auf folgendes Korrelationsintegral zurückzugreifen:

 

 

Vernünftigerweise müsste nun eine mathematische Herleitung erfolgen, aber angesichts der Tatsache, dass diese „komplexe Zeitfunktion“ gegen mich arbeitet, verzichte ich ausnahmsweise darauf. ;-)

 

Stattdessen nehme ich mir den guten Rat zu Herzen, meinen Geist zwischendurch auch mal mit einem Kaffee auf neue – bislang ungeahnte – Höhen zu bringen. Das Schreiben der Diplomarbeit ginge dann mit „neuer Energie“ wie von selbst. (Wer diese Wortwahl versteht, der kontaktiere mich bitte, denn als Preis ist eine gute Tasse Bohnenkaffee ausgeschrieben.) Nun gut. Für mich als Minimalkonsumentin von Kaffee wird eine „gefleckte Milch“ sicherlich eine ähnliche Wirkung erzielen.

 

Nun steht der heiße Latte Macchiato direkt neben mir, und schon erfasst mich wieder das typische Leiden eines Diplomanden, das auch umgangssprachlich „Sendung-mit-der-Maus“-Syndrom genannt wird:

Warum ist das so? Wenn mir niemand den Grund sagen will, dann finde ich es eben allein heraus. Und wenn ich dafür dicke Buchbände durcharbeiten muss, irgendwo findet sich die Lösung mit Sicherheit.

 

Nebenbei bemerkt, dieses Syndrom ist auch sehr hilfreich, eine Begründung zu finden, das Schreiben der Diplomarbeit für eine – wirklich nur ganz kurze Zeit (gefühlt) – zu verschieben. Schließlich muss der Kopf frei sein für das erfolgreiche Korrelieren von Zeit und Kopf. Selbst ein prinzipiell so harmloses Getränk wie eine gefleckte Milch führt da schon zu Interferenzen.

 

Das Interferometer schlägt aus, und darum wird das inzwischen nur noch lauwarme Getränk genauer untersucht.

 

Es heißt, Latte Macchiato rege zu meditativen Prozessen an durch das leichte und sanfte Schwingen der einzelnen Schichten. Aber warum tun sie das so langsam? Wissenschaftler sagen, die Schwerkraft ziehe an ihnen wie ein Gummiband, da sowohl Kaffee als auch Milch eine ähnliche Dichte haben. Bei Wasser und Luft ist es genau andersherum. Der Kaffee schwimmt oben, obwohl Milch eine größere Dichte hat, da dieser heißer als die Milch ist, sich folglich ausdehnt und die Dichte somit verringert.

 

Die meditative Phase ist noch schneller vorbei, wenn dem Kaffeetrinker bewusst wird, welch besonderes Getränk er vor sich stehen hat. Jeder Chemiker bekäme leuchtende Augen. Und das nicht ob des vermeintlichen Koffeinschubs, sondern beim Rösten der Bohne entfalten sich circa 1000 Aromen. Der traditionelle Teetrinker fühlt sich jedoch bestätigt, wenn er hört, dass eines der stärksten Aromen aus Chemikersicht nach Katzenurin riecht. Für den Kaffeeliebhaber ist das jedoch der „besondere“ Duft, der so richtig in die Nase steigt.

 

Ist man sich plötzlich nicht mehr so sicher, ob der Kaffee wirklich noch schmeckt mit dem neuen „Duft“ im Hinterkopf und daher lieber ein bisschen wartet, so bemerkt der aufmerksame Beobachter, dass die Schichten sich irgendwann – ganz langsam – doch miteinander vermischen. Milchtröpfchen und Kaffeepartikel vermischen sich. Auch Einstein mochte wohl Tee, denn für die sogenannte „Brownsche Bewegung“ (wie passend) entwickelte er die Formel.

 

Derjenige, der aber einfach mutig einen Löffel Zucker in die Tasse gleiten lässt, der erlebt hautnah den „Mischungsprozess im Mehrphasensystem“.

 

Wer findet da noch Zeit, einen Schluck dieses besonderen Getränks auf die hinzugewonnene Bohnenkompetenz zu nehmen?

 

Also, meine Zeitfunktion ist inzwischen noch komplexer geworden, aber brauchen nicht alle Diplomanden eine gewisse Portion gesunder Bohnenkompetenz? J

 

(Wer diese noch etwas erweitern möchte, der greife doch zu der Zeit Wissen Ausgabe 5/2006. In Verbindung mit Latte Macchiato steht der Kompetenzerweiterung nichts mehr im Wege.)

 

 

Die unfeministische Emma 1 März, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 9:45

Es ist ja immer gleich mit dem Leben: Absehbarkeit wäre zu langweilig. Seit dem letzten Sommer war ich eigentlich immer unterwegs, sei es in einer Stadt mit 42.000 oder 3,6 Millionen, und heute wird diese Zeit abgeschlossen. Aber wie es zu einem dieser Zeit entsprechenden Ende gehört, reist man nicht einfach so still und leise ab. Auch wenn ich das bis gestern noch dachte. Eigentlich. Dennoch hätte es mich nicht wundern sollen. Wenn da jemand ankommt und voller Selbstbewusstsein behauptet, sie sei „arm aber sexy“, und das dann auch noch Luxus sei, so ist es kein Wunder, wenn vielleicht bei mehr als nur einer Emma der Spaß aufhört. 

Eine EMMA wird innerlich kochen wie ein Orkan ob dieser Aussage, eine andere Emma wird gleich zum Orkan. Unschön an der ganzen Situation ist nur, dass die lieben Damen ihre Streitigkeiten nicht untereinander ausmachen. Statt dessen rappelt Emma voller Wut um sechs Uhr morgens – man bedenke, heute ist Samstag – an meinen alten und klapprigen Fenstern herum, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Wenn ich dann doch dezent und halb verschlafen aus dem Fenster schaue, frage ich mich, wie ich das alles finden soll. Es stürmt nicht nur, sondern es regnet so sehr, dass es schon keine Tropfen mehr sind, die gerade vom Himmel fallen. Das nenne ich, in Anbetracht meine baldigen Rückkehr nach Hause, nur noch: plästern!

Da wirkt ein Satz, der mir in netter Absicht gestern zum Abschied gesagt wurde aus heutiger Sicht doch ein wenig sakrastisch (zu diesem Zeitpunkt schien noch die Sonne, und ein zartes Gefühl von Frühling breitete sich im sonst so dunklen Berlin aus) : „Mensch, da zeigt Berlin sich Dir zum Abschied ja nochmal so ganz von seiner besten Seite!“ Ja, in der Tat …

Es war alles noch nicht so dramatisch, wenn da nicht noch etwas wäre, was mich nicht ganz entspannt auf den Zug warten lässt. Meine Tasche. Ja, ein altbekanntes Thema bei mir, aber heute ist es besonders unschön. Insbesondere eine Tatsache lässt mich stutzen: am Ende eines Semesters in Irland ging die Tasche zu – ich erwähne nun nicht, dass ich noch einige Pakete zuvor nach Hause schicken musste, und dass die Dame am Schalter bei 28 kg Gewicht nur mit steifer Miene ein rotes Schild mit „heavy“ befestigte und schwieg-, aber nach zwei Monaten Berlin geht gar nichts mehr.

Inzwischen habe ich die Tasche mehrmals aus- und eingepackt, mich von Sachen getrennt, aber es geht nicht. In meiner aufkommenden Panik setze ich mich immer mal wieder auf die Tasche, esse etwas (jedes Gramm zählt) oder versuche mit mentaler Stärke die Sachen wie die Autopresse von Tempelhof in ein handliches Päckchen zu verwandeln. Aber es scheint hoffnungslos.

Selbst wenn man als optimistischer Leser davon ausginge, dass es schon irgendwie – auch wenn mir niemand das „Wie“ derzeit erklären vermag – klappen wird, so bleibt ein weiteres Problem. Ich wohne hier im dritten Stock. Altbau, wo die Wände besonders hoch … und die Treppen besonders lang sind. Wer ist in einigen Stunden, wenn die Tasche mit roher Gewalt (hoffentlich nicht) verschlossen wurde (hoffentlich) schneller unten? Die Tasche oder ich? Natürlich habe ich so weit mitgedacht, dass sich bequeme, gut am Boden haftende Schuhe besser machen als schöne Schuhe mit Absätzen, aber ich habe dennoch das ungute Gefühl, dass der Weg später nach unten nicht ganz konventionell wird.

Dass ich da ausnahmsweise auf den Bus verzichte, muss ich wahrscheinlich auch nicht erwähnen. Es ist schließlich nicht so, dass ich „nur“ diesen Zentner von Tasche transportiere, sondern auch noch zwei andere Taschen auf mich warten, sog. „Handgepäck“ sowie mein Notebook. Mal abgesehen davon, dass ich mit den ganzen Taschen in der Tür vorne beim Busfahrer stecken bleiben werde, müsste ich mir bei ihm auch noch ein Ticket kaufen, da mein Februarticket mit dem heutigen Tag natürlich verfallen ist, und ich irgendwie noch nach Kleingeld in der Tasche suchen müsste.

Selbstverständlich startete der Busfahrer dann erstmal wieder eine für Berlin typische „Freundlichkeitsoffensive“, dass ich alles blockiere und mich ma janz flott in den Bus begeben soll, sonst könnte ich auch laufen. Zwar bin ich zu sehr Rheinländerin, als dass mir das den Tag verhageln könnte, aber ausnahmsweise werde ich dann doch auf andere Verkehrsmittel zurückgreifen, um zum  nur wenige Minuten entfernten Hauptbahnhof zu kommen. 

Da es aber gerade erst einmal kurz nach acht Uhr ist, der Zug aber erst in knappen sechs Stunden abfährt, werde ich mich mit einem Buch bewaffnet auf die Tasche setzen und hoffen, dass es hilft.

Eine Realistin auf Wunder wartend.

 

lundi gras à Berlin 4 Februar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 9:18

Es heißt ja immer, die “alten Preußen“ hier seien nicht gerade so jeck, und deswegen gefriert ihnen oft das Lachen im Gesicht. Stimmt.

Aber… es muss dennoch nicht bedeuten, dass ich in Berlin nicht auf meine Kosten komme! Während ich am Alexanderplatz auf einer Parkbank sitze, einige wenige Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht herumtanzen lasse (irgendwie muss ich ja mein -wenn auch äußerst schwach ausgeprägtes- Karnevalisten-Gen ein bisschen trösten), einen dicken und gut gefüllten (nicht abgefüllten) Berliner -Verzeihung- Pfannkuchen (!) in meiner Hand halte, zuckt auf einmal - aufgrund eines ansteigenden Geräuschpegels sowie der plötzlichen Farbenpracht direkt vor meinen Augen - der rechte Mundwinkel und formt sich zu einem rheinischen Lächeln…

Ein Rosenmontagsumzug! In Berlin! Zwar ohne Themenwagen, aber schließlich sollte man nicht gleich immer so hohe Ansprüche stellen. Die Berliner üben noch, aber dafür machen sie sich doch schon recht gut, oder? ;-)

     

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Berliner Luft 27 Januar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 3:13

Grundsätzlich besteht eine große Diskrepanz zwischen bloßen Worten um dem Leben selbst. Je nach Situation bleibt jedoch keine andere Wahl, und das Leben muss in Worte gefasst werden. In diesem Fall steht das Berliner Leben im Vordergrund. Und wo findet es bevorzugt statt – mal abgesehen von Cafés, S-Bahnen oder der Straße selbst? Genau, an der Uni. Gemeinhin bekannt als Think Tanks oder Oasen des Wissens bzw. akkumulierter Informationen. Die Köpfe rauchen und beeinflussen so die Zusammensetzung der Luft -der Berliner Luft.

Mir bot sich die Möglichkeit an einer Vorlesung mit anschließender Diskussion zum Thema Kinderarbeit und Entwicklungspolitik teilzunehmen. Mit dem Augenblick, als sich die Tür schloss, verspürte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Es lag nicht an der Luft. Etwa 30 Studenten saßen in dem Seminarraum einer Universität, die durch viele Fenster das freie Denken ermöglicht. Mit Fortschreiten der Diskussion fragte ich mich, ob es nicht manchmal sinnvoller sei, die Fenstergröße auf ein bestimmtes Maß zu beschränken. Das Denken soll selbstverständlich nicht beschränkt werden, aber vielleicht könnte es somit auch ein wenig realistischer werden. Oberhalb der Tischkante erfüllten die Damen und Herren alle Ansprüche an Studenten (sowie Klischees) eines solchen Studiengangs. Sie trugen die Haare ungekämmt, da das äußere Erscheinungsbild natürlich wesentlich unwichtiger ist, als die Belange von Kindern in der Welt. Die Pullis hatten Löcher, denn heute weiß man ja nicht mehr, ob die Kleidung im Geschäft durch Kinderarbeit produziert wurde. Neben dem Spiralblock, der allerdings von dem Großteil der Studenten in kleinster Schrift beschrieben wurde (man muss Papier sparen), stand sogar eine Flasche Wasser – nicht irgendein Wasser, es war ethisch korrektes Wasser (!), wie ich lesen durfte. Jedoch konnte ich dem Flaschenetikett nicht entnehmen, inwieweit das aufwändig und sehr bunt gestaltete Erscheinungsbild der Flasche auch diesen Prinzipien entsprach…

Der Kaffee war selbstverständlich fair gehandelt, aber überraschenderweise nicht in einem Porzellanbecher. Nein, man geht mit der Zeit, und da muss er aus Pappe sein. Schließlich ist er ‘to go’. Hier geht es eben um Kinder und nicht um die Umwelt. Und der Tee? Nicht GEPA, aber dafür mit frischer Minze. Man möchte doch nicht riskieren, dass der lose Tee oder aus dem Beutel von einem Kind gepflückt wurde.

Ich halte nicht viel von Klischees, aber es war so, wie ich es beschreibe. Da überrascht es auch nicht, dass der Professor nur der „Manfred“ war, sich alle duzen und die Sprecherin des Semesters mit einem dicken meterlangen (selbstgestrickten -nur so kann man sicher sein …) Schal, der fast ihren ganzen Körper einhüllte mit der entsprechenden Mütze in Orange ihn zur Bergrüßung erstmal umarmte und ihm kollegial auf die Schulter klopfte, bis er ein schmerzverzerrtes Gesicht hatte. Ja, hier ist die Welt noch in Ordnung.

Alles ist entspannt, niemand stellt Ansprüche und alles ist ethisch korrekt. Wen wundert es da noch, dass die Studenten in ihrem freien Geiste so frei waren, dass sie sogar ernsthaft vorschlagen, nur noch kleine Kinder an den Verhandlungstisch zu schicken?

Es geht doch um sie. Wieso einen Regierungschef oder entsprechende Gruppen einladen, die die Interessen der Kinder wahrnehmen? Nein, ein Junge, der gerade mit dem Verlust seiner ersten Milchzähne zu kämpfen hat, kann doch viel besser Entscheidungen treffen. Sonst sind doch sowieso alle infiltriert! Ach ja, und natürlich zählt das Abspülen des Geschirrs im elterlichen Haushalt auch schon zu dem Bereich Kinderarbeit. Wer hätte das gedacht? Hätte ich das eher gewusst, so hätte ich dieses Argument auch mal als kleines Kind anbringen können. Den Blick vieler Eltern hätte ich gern einmal gesehen …

Zu dem Zeitpunkt änderte sich das entspannte Kauen meines Kaugummis (man möchte sich schließlich assimilieren!) in ein Stakkato. War ich hier wirklich an einer Universität? Sollen diese Menschen später einmal die geistige „Elite“ werden? Das Wort „Elite“ gehört auch nicht zu meinem persönlichen Wortschatz, aber wo werden diese Menschen in einigen Jahren arbeiten? Zu dem Zeitpunkt löste sich das Kaugummi bereits in kleine Stückchen auf…

Es wäre alles noch irgendwie -wenn auch nicht leicht- vertretbar gewesen, wenn ich nicht irgendwann bei der freien Entfaltung meiner Gedanken den Blick einmal unter die Tischkante hätte wandern lasssen. Die Studenten, die sich in großen Lettern die Moral und Ethik auf die Flagge im Kampf gegen Ungleichheit und Kinderarbeit geschrieben hatten, sie trugen (selbstverständlich) wie jeder andere Mensch auch Schuhe. Nur diese Schuhe stammten von Herstellern, die ihre Produkte in Ländern dieser Welt produzieren lassen, in denen Kinderarbeit alltäglich ist.

Ethik hat demnach wohl auch Grenzen, oder sie wird nicht mehr gesehen, wenn die Gedanken so frei und idealistisch werden, dass die Füße in denen die Schuhe stecken, den Boden schon längst verlassen haben.

 

Frierpitter 23 Januar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 9:41

Eigentlich war geplant, heute einen neuen Text zu schreiben. Jedoch wusste ich da noch nicht, wie sich meine Finger später -also jetzt- anfühlen würden. Nein, die Moskaukälte ist vorbei, dafür springe ich von einer S-Bahn in die nächste U-Bahn, fahre mit dem Bus und laufe so viel durch Berlin, als hätte ich Meilenstiefel an. Berlin verleitet dazu, immer irgendwo zu sein. Nur nie zu Hause. Aber das macht auch nichts, denn bis Ende Februar will Berlin ja schließlich noch komplett entdeckt werden. Jetzt aber zu den Fingern, die sich anscheinend langsam wieder warm schreiben …  Immer wieder wenn ich durch Berlin laufe, begegnen mir Dinge, die ich gern irgendwie festhalten möchte. Die einfachste Lösung wäre da meine Digitalkamera. Oftmals ist es jedoch ein innerer Kampf zwischen der Entscheidung etwas zu fotografieren, oder doch die Hände in den Taschen zu lassen. Natürlich, auch heute war es mal wieder frisch, zusätzlich regnete es noch, aber nun hat die Digitalkamera doch wieder gewonnen. Da hat es sich nur gezeigt, dass kleine Kameras doch nicht immer so optimal sind, denn Handschuhe kann man nun wirklich nicht damit tragen. Stichwort: Grobmotoriker.

Wenn man jedoch die Handschuhe weglässt, so trifft man jede Taste prima, aber irgendwann nach der Rotphase kommt die Eisphase … an den Fingern. Und aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle nur auf die neuen Bilder bei flickr und Picasa verweisen. Meine Finger müssen nun erstmal ganz in Ruhe wieder auftauen. :-)

Ach so… nur für den Fall

 

icebound 6 Januar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 8:32

Kalt, sehr kalt… Meine Beine sind taub, die Nase wird zu einem rötlichen Eiszapfen, und die Ohren ähneln Kroepoek, das genussvoll von zwei Händen zerbrochen werden kann. Prima. So habe ich es mir vorgestellt, aber nicht in meinen Träumen. Vielleicht bin ich nach Irland temperaturtechnisch auch ein wenig verwöhnt, aber Berlin ist so kalt, dass Worte wie frostig, frisch oder eisig nicht passten. Natürlich habe ich nicht erwartet, dass Berlin mich in schönstem Sonnenschein erwartet, aber trotzdem: Temperaturen wie in Moskau hatte ich bei meiner Kleidungsauswahl für den Koffer auch nicht im Hinterkopf.

Berlin ist mir keine unbekannte Stadt, aber zumeist war ich dann doch zu wärmeren Jahreszeiten hier. Verstanden habe ich es nie so ganz, dass sich aber die Fellmützen aus vergangenen Zeiten konstant gut verkaufen. Ich dachte immer, so viele Touristen kann es doch gar nicht geben, die mit so einer Kopfbedeckung freiwillig durch die Gegend streifen wollen. Ich habe mich geirrt. Diese Fellmützen sind kein Relikt der ehemaligen Sowjetunion, sie dienen einzig und allein dazu, die Menschen hier vor dem Erfrieren zu bewahren. Und im Sommer werden sie so zahlreich verkauft, weil genau dann, wenn man aus lauter Verzweiflung selbst vor solch einem modischen Fehltritt keinen Halt machte, sie bereits alle ausverkauft sind. Für die Tierschützer unter uns: ich meine selbstverständlich Kunstpelz. Mal abgesehen davon, dass ich keinen Pelz tragen wollte, denke ich auch nicht, dass man dies als Studentin könnte.

Zurück zur Kopfbedeckung. Es ist ja nicht so, dass es gerade eine Fellmütze sein müsste. Eine ganz normale -halbwegs ansehnliche- Wollmütze hätte es auch schon getan. Aber selbst in einer so großen Stadt wie Berlin ist das nicht so leicht, wie ich dachte. Entweder die Mütze ist so bunt, dass ich mir vollkommen deplatziert im doch recht grauen Berlin vorkomme, so als hätte ich den rheinischen Karneval mit seinem Rosenmontagsumzug schon in die S-Bahn in Richtung Alexanderplatz verlagert. Oder die Mütze sieht farblich dezent aus, man setzt sie freudestrahlend ob der bald warmen Ohren auf, und beim Absetzen kommt das böse Erwachen… dieses leise Knistern, ja es sind meine Haare. Acryl und längere Haare sind wahrlich keine guten Freunde, und man scheint für einen Moment doch sehr „geladen“ zu sein – im doppelten Wortsinne.

Folglich bin ich weiterhin ohne Kopfbedeckung, schaue mir im Zug auf der Fahrt nach Hause neidisch die ganzen Leute an -mit ihren kuscheligen oder dicken Mützen-, die nach warmen Ohren aussehen und hoffe, dass bald ein bisschen wärmere Luft aus dem Westen hierher kommt. Die Mützen-Dichte kann bereits jetzt schon kaum mehr ansteigen. Sie könnte sich nur noch auf 100% erhöhen, wenn eine nette, kleine und einsame Mütze meinen Weg kreuzen sollte.  Aber selbst dann rutsche ich auf glatten Sohlen wahrscheinlich an ihr vorbei, da die Bürgersteige hier einer nicht enden wollenden Eisbahn gleichen. Also, Spikes werden auch gesucht!

 

there she goes 22 Dezember, 2007

Gespeichert unter: Irland — fantasmagorique @ 1:25

… mit einem letzten Blick in den Kühlschrank:

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Er bzw. mein Fach ist fast leer, aber in Wirklichkeit ist er -wenn man genau hinschaut- gefüllt mit Erinnerungen an eine sehr schöne Zeit in Irland.

Und in etwas mehr als einer Woche geht es dann wieder weiter. Dann aus Berlin!

 

contradiction and perfection 16 Dezember, 2007

Gespeichert unter: Irland — fantasmagorique @ 7:36

Weihnachtsstimmung kann nicht künstlich erzeugt werden. Weder durch blechern klingende Weihnachtsglocken vom Band, das alle zehn Minuten wieder am Anfang angekommen ist, und hinter einer im Boden festgeschraubten Edeltanne versteckt ist, noch durch acht kleine, dickbäuchige, mit den Hüften kreisenden Weihnachtsmännern aus Plasitk, die sich wie der Duracell-Hase im Kreis drehen und eine Trommel demolieren. Nein, das funktioniert nicht. Schon auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt in Dublin, der in den Docklands liegt -und mittels eines Stahlgerüstes auf dem Wasser „schwebt“-, fühlte ich mich  mit jedem Schritt ein wenig unsicherer, ob ich richtig bin. Soll dies das „Winder Wonderland“ von Dublin sein, das jedem noch so bekannten Weihnachtsmarkt der Welt den Rang abläuft? Ich weiß nicht. Es lag nicht daran, dass es alles sehr klein dort war. Zumeist sind kleine Weihnachtsmärkte sowieso viel schöner. Auch hat es mich nicht gestört, dass am Eröffnungstag noch nicht viele Menschen dort waren. Was mich persönlich etwas überrascht hat, war das äußere Erscheinungsbild.

In den letzten Monaten habe ich an Irland -manchmal, wohlbemerkt- zu schätzen gelernt, dass nicht immer alles so streng und durchorganisiert sein muss. Damit möchte ich nicht sagen, dass es immer beruhigend ist, wenn sehr viele Dinge hier einfach sehr viel Zeit brauchen, bis etwas passiert. Aber diese Erfahrung führt auch dazu, dass man inzwischen selbst auch oft gelassener sein kann in vielerlei Hinsicht… Thema: Gelassenheit. Da hier alles etwas ruhiger und entspannter abläuft, so vermutet man auch, dass ein irischer Weihnachtsmarkt einen ähnlich lockeren Eindruck vermitteln könnte.

Aber weit gefehlt. Beim ersten Anblick des Weihnachtsmarktes war ich mir erst gar nicht mehr so sicher, ob ich mich die ganzen Monate nicht doch getäuscht haben könnte. Absperrzäune wie bei einem Konzert, Sicherheitskräfte, grüner Rollteppich in langen Bahnen, der den Weg vorgibt. Als exaktes Quadrat. Wo sonst Iren bei baulichen Dingen oft mehr als ein Auge zudrücken, schien mir diese Gestaltung geradezu perfekt. Zu perfekt für einen Weihnachtsmarkt, der Gemütlichkeit erst durch eine lockere Gestaltungsweise und leichte Unordnung erlangt. Oder die irischen Veranstalter dachten, dass diese Genauigkeit und geordnete Struktur einem Konitnentaleuropäer entgegenkommen könnte, wenn er angeblich so ordnungsliebend ist…

Bei meinem Gang über den Weihnachtsmarkt von rechts unten nach links unten im Quadrat kreuzte ich etwa auf halber Strecke einen Stand mit Rostbratwürstchen. Leider gab es ansonsten nicht viele Dinge zu probieren, wenn man gerade großen Hunger hat, und so habe ich mich dann doch dafür entschieden. Dass es sich bei der Dame, die mir wortlos und ohne eines Blickes die Bratwurst in die Hand drückte und dabei „Five Euro“ sagte, nur um eine Frau aus Deutschland handeln konnte, brauche ich sicherlich nicht zu erwähnen… Dass ich dann weder Appetit noch Lust hatte, ihr das Geld in die Hand zu drücken, verwundert auch nicht mehr weiter. Aber geschmeckt hat es dann doch irgendwie schon, auch wenn der Beigeschmack nicht sehr positiv war. Mir wurde nämlich schlagartig bewusst, dass ich in etwa einer Woche wieder vielen dieser unfreundlichen Menschen begegnen werde. Durch die Iren ist man doch schon etwas verwöhnt was Freundlichkeit anbetrifft. Aber ich weiß auch, dass es doch noch viele Ausnahmen von dieser Unfreundlichkeit gibt. :-)