Jeder Mensch erlebt diese Tage, die keinen Weg in das Langzeitgedächtnis finden sollten. Gerade hat man das Büro verlassen, so prasselt der Regen auf das Haupt, der allgemein unter dem Begriff “besonders nass” in den Sprachgebrauch eingegangen ist.
Endlich an einem der vier Umstiegspunkten für den Weg nach Hause angekommen, die Straßenbahn sogar noch kurz vor der Abfahrt erreicht, beginnt eine teils typische und anderseits doch wieder besondere Fahrt durch eine Stadt, die oftmals als Synonym für das Ruhrgebiet in den Medien benutzt wird.
Vor der Lektüre ist stets ein genauer Blick auf den Sitzplatz zu wagen. Ein Kronkorken wird sodann auf die Seite gelegt. Während des ersten Artikels drängt sich der Gedanke auf, die den Leser umgebenden Geräusche durch den geübten Querflug durch den Coverflow zu ersticken.
Eine Mutter mit zu kurzer Jacke und zu blonden Haaren zerrt laut brüllend an ihrem Kind. Es soll doch endlich leise sein.
Ein von der Sonne für jeden Geldbeutel stark gebräunter junger Mann zieht -während er den Leser mit glasigen Augen anstarrt- die Nase hoch – wieder ganz im Rausch.
Die Zeitung wird wie ein Schild vor das Gesicht geschoben und verschafft doch keine Ablenkung. Die Bahn hält. Ein Auto ist mit der vorherigen Straßenbahn zusammengestoßen und blockiert auf unbestimmte Zeit die Trasse.
Es schließt sich nun ein Weg von rund fünf Haltestellen durch die von den Politikern dieser Republik aufgegebenen Stadt an. Ernüchternd ist die Tatsache, dass die Krise nicht in diesem Fall als Übel allen Leids herangezogen werden kann.
Die Fenster unter königsblauen Flaggen muten im Vorbeischreiten ganz und gar nicht königlich an. Sie sind geschwärzt, wie auch die Fenster. Umgeben von Seidenblumen und goldenen Porzellankätzchen mit einem verzweifelt vergnügten Gesichtsausdruck passiert man ein weiteres Schaufenster, das der Räumungsverkauf wie so viele Geschäfte ebenfalls nicht verschont hat.
Weit und breit Dunkelheit. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das architektonisch an die Zeiten eines späten Aufbäumens der 68er erinnert. Unten eines der wenigen verbliebenen Geschäfte. Dort ist in großen Lettern wie bei einem Waschsalon Folgendes zu lesen: “17 Jahre keine Kohle?” Der erste Gedanke führt sofort zu der “Atomkraft?Nein, Danke!”-Generation, und der Abschied von der Steinkohle im Revier.
Doch dann eröffnet sich dem Betrachter noch ein kleines und unscheinbares Zeichen, das leicht überlesen wird. So ergibt sich plötzlich ein ganz neuer Sinn:”17 Jahre + keine Kohle?” Es ist eine Fahrschule, die aus der Not eine Tugend macht.
Banken gehen Pleite oder werden verstaatlicht, und so erhält ein junger Mensch, der auch nicht von seinen Eltern finanziell unterstützt werden kann, aufgrund mangelnder Bonität auch keinen Kredit. Da trifft es sich gut, wenn die Fahrschule von nebenan ein Finazierungspaket auf den Tisch legt. Wer hätte das gedacht? Fahrschulen als die Investoren der Zukunft.
Ein Modell, das in der Stadt wo jeder Fünfte arbeitslos ist, durchaus nachvollziehbar erscheint. Doch stellt sich zugleich die Frage, was der junge Mensch mit seinen 17 Jahren ohne Einkommen mit einem Führerschein macht, wenn er sogleich Schulden produziert hat und der Erwerb eines Autos trotz Abwrackprämie erst einmal in weite Ferne rückt?
Diesem Gedanken nachhängend verlässt man die Stadt in einer der zu dieser Uhrzeit selten verkehrenden S-Bahnen. Mit im Abteil zwei ältere Männer, die aus unbestimmten Gründen übereinander herfallen und sich beschimpfen. Ein Mann unterstellt dem anderen, dass er ihn doch nur angreife, weil er sich bei der Arbeit gelangweilt habe. Wenn er denn Arbeit hätte.
An der Endstation angekommen, im Regen wieder den Bahnsteig wechselnd, trifft sich der Blick mit einem sehr alten Mann. Er muss schon weit über 80 sein, verdeckt sein weißes geschwungenes Haar mit einer Baskenmütze und trägt unter einem ebenfalls nicht sehr neuen Trenchcoat eine karierte Weste. Er lächelt, obwohl er bei jedem Schritt die er die ausgetretenen Treppenstufen emporsteigt Schmerzen haben muss. Wie ein alter Franzose sieht er aus. In jedem Kinofilm würde der Regisseur ihm nun noch eine Stange Baguette unter die dünnen Arme stecken. In diesem Fall trägt er aber dezent versteckt die immer donnerstags erscheinende Wochenzeitung und ein französisches Magazin fest an seinen Oberkörper gedrückt. Vielleicht doch ein Moment, den das Gedächtnis gut aufbewahren sollte.



