fantasmagorique

- être dans la lune

Ausverkauf des Glücks 6 März, 2009

Einsortiert unter: Krise,Leben — fantasmagorique @ 12:03 vormittags

Jeder Mensch erlebt diese Tage, die keinen Weg in das Langzeitgedächtnis finden sollten. Gerade hat man das Büro verlassen, so prasselt der Regen auf das Haupt, der allgemein unter dem Begriff “besonders nass” in den Sprachgebrauch eingegangen ist.

Endlich an einem der vier Umstiegspunkten für den Weg nach Hause angekommen, die Straßenbahn sogar noch kurz vor der Abfahrt erreicht, beginnt eine teils typische und anderseits doch wieder besondere Fahrt durch eine Stadt, die oftmals als Synonym für das Ruhrgebiet in den Medien benutzt wird.

Vor der Lektüre ist stets ein genauer Blick auf den Sitzplatz zu wagen. Ein Kronkorken wird sodann auf die Seite gelegt. Während des ersten Artikels drängt sich der Gedanke auf, die den Leser umgebenden Geräusche durch den geübten Querflug durch den Coverflow zu ersticken.

Eine Mutter mit zu kurzer Jacke und zu blonden Haaren zerrt laut brüllend an ihrem Kind. Es soll doch endlich leise sein.

Ein von der Sonne für jeden Geldbeutel stark gebräunter junger Mann zieht -während er den Leser mit glasigen Augen anstarrt- die Nase hoch – wieder ganz im Rausch.

Die Zeitung wird wie ein Schild vor das Gesicht geschoben und verschafft doch keine Ablenkung. Die Bahn hält. Ein Auto ist mit der vorherigen Straßenbahn zusammengestoßen und blockiert auf unbestimmte Zeit die Trasse.

Es schließt sich nun ein Weg von rund fünf Haltestellen durch die von den Politikern dieser Republik aufgegebenen Stadt an. Ernüchternd ist die Tatsache, dass die Krise nicht in diesem Fall als Übel allen Leids herangezogen werden kann.

Die Fenster unter königsblauen Flaggen muten im Vorbeischreiten ganz und gar nicht königlich an. Sie sind geschwärzt, wie auch die Fenster. Umgeben von Seidenblumen und goldenen Porzellankätzchen mit einem verzweifelt vergnügten Gesichtsausdruck passiert man ein weiteres Schaufenster, das der Räumungsverkauf wie so viele Geschäfte ebenfalls nicht verschont hat.

Weit und breit Dunkelheit. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das architektonisch an die Zeiten eines späten Aufbäumens der 68er erinnert. Unten eines der wenigen verbliebenen Geschäfte. Dort ist in großen Lettern wie bei einem Waschsalon Folgendes zu lesen: “17 Jahre keine Kohle?” Der erste Gedanke führt sofort zu der “Atomkraft?Nein, Danke!”-Generation, und der Abschied von der Steinkohle im Revier.

Doch dann eröffnet sich dem Betrachter noch ein kleines und unscheinbares Zeichen, das leicht überlesen wird. So ergibt sich plötzlich ein ganz neuer Sinn:”17 Jahre + keine Kohle?” Es ist eine Fahrschule, die aus der Not eine Tugend macht.

Banken gehen Pleite oder werden verstaatlicht, und so erhält ein junger Mensch, der auch nicht von seinen Eltern finanziell unterstützt werden kann, aufgrund mangelnder Bonität auch keinen Kredit. Da trifft es sich gut, wenn die Fahrschule von nebenan ein Finazierungspaket auf den Tisch legt. Wer hätte das gedacht? Fahrschulen als die Investoren der Zukunft.

Ein Modell, das in der Stadt wo jeder Fünfte arbeitslos ist, durchaus nachvollziehbar erscheint. Doch stellt sich zugleich die Frage, was der junge Mensch mit seinen 17 Jahren ohne Einkommen mit einem Führerschein macht, wenn er sogleich Schulden produziert hat und der Erwerb eines Autos trotz Abwrackprämie erst einmal in weite Ferne rückt?

Diesem Gedanken nachhängend verlässt man die Stadt in einer der zu dieser Uhrzeit selten verkehrenden S-Bahnen. Mit im Abteil zwei ältere Männer, die aus unbestimmten Gründen übereinander herfallen und sich beschimpfen. Ein Mann unterstellt dem anderen, dass er ihn doch nur angreife, weil er sich bei der Arbeit gelangweilt habe. Wenn er denn Arbeit hätte.

An der Endstation angekommen, im Regen wieder den Bahnsteig wechselnd, trifft sich der Blick mit einem sehr alten Mann. Er muss schon weit über 80 sein, verdeckt sein weißes geschwungenes Haar mit einer Baskenmütze und trägt unter einem ebenfalls nicht sehr neuen Trenchcoat eine karierte Weste. Er lächelt, obwohl er bei jedem Schritt die er die ausgetretenen Treppenstufen emporsteigt Schmerzen haben muss. Wie ein alter Franzose sieht er aus. In jedem Kinofilm würde der Regisseur ihm nun noch eine Stange Baguette unter die dünnen Arme stecken. In diesem Fall trägt er aber dezent versteckt die immer donnerstags erscheinende Wochenzeitung und ein französisches Magazin fest an seinen Oberkörper gedrückt. Vielleicht doch ein Moment, den das Gedächtnis gut aufbewahren sollte.

 

Der Blick in die Glaskugel 26 Februar, 2009

Einsortiert unter: Krise — fantasmagorique @ 12:36 vormittags

Wozu gibt es Journalisten? Der Deutsche Journalisten-Verband gibt uns darauf eine einfache Antwort: “[...]der Journalist ist an der Verbreitung von Meinungen, Informationen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt.”

Das klingt zunächst einmal plausibel. Problematisch jedoch wird es, wenn der Leser sich auf die ihm präsentierten – und letztlich auch selektieren – Informationen verlassen muss, weil er nun einmal nicht  immer überall am Ort des Geschehens sein kann.

So geschah es, dass US-Notenbankchef Ben Bernanke gestern den Halbjahresbericht der Öffentlichkeit präsentiert hat. Um der Frage auf den Grund zu gehen, wie sich die wirtschaftliche Lage aus Sicht der FED in den nächsten Monaten entwickeln könnte, schaut man sich in diversen Onlinemedien um.

Ganz klassisch beginnt man mit dem Internetangebot der Tagesschau. Robert Kiendl vom HR-Hörfunkstudio Washington lässt seine Leser wissen, dass die Hoffnung in der jetzigen Situation sehr gering sei, auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu hoffen. Ben Bernanke teilte der breiten Öffentlichkeit mit, man könne von einem harten Jahr 2009 ausgehen. Eine Besserung für das Jahr 2010 sei nur in Sicht, wenn alle angestrebten Konjunkturmaßnahmen greifen. Wenn. Um es auf den Punkt  zu bringen: “Das Schlimmste kommt noch”, wie Herr Kiendl konstatieren muss.

Nach der Lektüre dieses Artikel sackt der Leser in sich zusammen und begräbt das kleine Pflänzchen Hoffnung, das hier in Deutschland derzeit noch existiert. Die Krise greift um sich, und letztlich wird sie nicht aufzuhalten sein.

Denkt man.

Wer gestern den Artikel von Josef Joffe auf zeit.de gelesen hat, wird eines Besseren belehrt. Krise? Rezessionsängste?

Nein, die “US-Notenbank verbreitet Optimismus”! Wer hätte das gedacht? Nur kurz zuvor bildeten sich vor dem inneren Auge die schwarzen Wolken der Konjunkturkrise, und schon muntert Herr Joffe den Leser wieder auf.

Die Kernaussage beider Artikel ist bei genauer Betrachtung dieselbe, nämlich das Krisenende naht, wenn die Konjunturpakete greifen. Wie schön, wenn der Leser die Zeit findet, die Artikel ganz zu lesen. Was aber passiert, wenn die Zeit nur für das Überfliegen des Titels reicht? Was bleibt dann im Kopf des Lesers hängen?

Ist es der Optimismus oder ist es doch eher die Krise? Wie viele Menschen haben vielleicht gestern nur den Krisenbeitrag auf tagesschau.de gelesen? Und wie viele Menschen sehen auf der anderen Seite schon wieder einen nahenden Aufschwung?

Es bleibt festzuhalten, dass jeder Journalist sich ebenso mit Bedacht Gedanken über den Titel seines Artikels wie auch den Inhalt machen muss. Die subjektive Einschätzung der Lage ist ebenfalls immer Teil der Berichterstattung. Doch ist sie auch Machtinstrument und zugleich Quelle möglicher Missverständnisse. Gerade wenn der Titel nur wenige Worte umfassen darf, muss überlegt werden, welche Wirkung bei dem Leser erzielt werden soll.

Und in der jetzigen Situation, in der weder Ökonomen, Politiker noch Mitglieder renommierter Thinktanks eine zuverlässige Aussage über die Zukunft treffen können, sollte man als Journalist ebenfalls nicht zu schnell urteilen.

 

Krisengeschüttelt 4 Februar, 2009

Einsortiert unter: Krise — fantasmagorique @ 10:47 nachmittags

Nach mehreren Monaten Pause nun heute die Rückkehr. Mit einem Paukenschlag. Und er klingt so: Krise!

Krise überall, und wir mittendrin. Alles fing ganz harmlos mit einer Finanzkrise an, mündete in eine Wirtschaftskrise, und etwa zeitgleich erreichte mein Blog eine Struktur- und Identitätskrise. Nun bin ich wieder da. Mit einer inhaltlichen Neuausrichtung und neuen Ideen im Gepäck. Und der Auslöser ist, wie soll es anders sein, eine Krise.

Man könnte sie mit Sinnkrise umschreiben. Wenn man dieses Wort bei Google eingibt, so trifft man recht schnell auf die Beschreibung, dass es sich dabei um einen Zustand handelt, in dem man wirklich unzufrieden wird.

Das alles hat aber weniger mit dem Leben zu tun, sondern mit der Art und Weise, als junger Absolvent sein Geld zu verdienen. Grundsätzlich kann ich mich nicht beklagen, da ich nun für achtzehn Monate über ein regelmäßiges Einkommen verfügen werde. Das Problem ist vielmehr woanders zu suchen.

Da diese Zeiten der Massenkrisen auch erneut alte Bekannte wie Herrn Marx und den nicht zu unterschätzenden Herrn Keynes wiederauferstehen lassen, möchte ich mich wie folgt ausdrücken: Nach der klassischen Arbeitswerttheorie ist es für den Produzenten notwendig, dass der Arbeiter mit seiner Leistung einen Mehrwert erarbeitet, welcher die reinen Reproduktionskosten überschreitet. Für den Arbeiter selbst beinhaltet diese Zeit jedoch keinen Wert. Der Gewinn des Produzenten ergibt sich gemäß dieser Auffassung letztlich aus der Ware Arbeitskraft.

Im Studium habe ich mich sehr viele Monate mit dieser Theorie beschäftigt  habe jedoch immer die Realitätsnähe vermisst. Nun ist sie da. Und da ist auch wieder die Sinnkrise.

Jeden Tag bin ich fünf Stunden unterwegs, um ins Büro und auch wieder nach Hause zu kommen, doch nie habe ich das Gefühl, dass dieser Tag mit einer sinnvollen Tätigkeit gefüllt war. Ich suche verzweifelt nach dem Wert. Auch ist es erschreckend, wie die Menschen vor Ort scheinbar nichts von den Veränderungen um sie herum mitbekommen. Die Banken kollabieren, die ersten Anzeichen einer neuen Entlassungswelle sind unübersehbar, doch die Menschen rühren in einer Seelenruhe den Instantkaffee in eine Prozellantasse mit aufgedrucktem Glücksklee, um ihn dann in einer langen Pause in kleinen Schlucken zu trinken.

Man könnte meinen, der Gesellschaft wäre der Ernst der Lage entgangen, und darum möchte ich an dieser Stelle auf den lesenswerten Artikel von Marc Brost und Bernd Ulrich aus der ZEIT verweisen.  Sie sprechen genau das aus, was ich gerne zu meinen Kollegen im Büro sagen würde: “Jetzt mal ehrlich”

 

 
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