Nach rund sechs Wochen in Irland ist es allmählich ruhiger geworden. Die Studenten finden alle ihre Räume, und große Gesichter mit fragenden Augen sind nicht mehr zu finden. Bei anderen Dingen frage ich mich, ob es die eingetretene Ruhe ist, oder ob ich mich nun an viele Dinge einfach schon gewöhnt habe, dass mir momentan nicht mehr so oft etwas auffällt, was erwähnenswert wäre.
Diesem Gedanken nachhängend saß ich gestern früh noch recht müde - und den Bewley’s Tee (Sorte Irish Breakfast) mit einem Löffel gegen den Uhrzeigersinn umrührend - in der Mensa. Am Tag zuvor hatte ich eine Vorlesung zum Thema “Irish Society and Social Change”. Forscher versuchen Iren in Zahlen und Statistiken zu objektivieren, zu verallgemeinern, zu simplifizieren, um dies in dicken Untersuchungsberichten dann für die Ewigkeit festzuhalten. Vielmehr würde ich diesen Personen zu einem Besuch der Mensa raten, allein, und mit einem heißen Tee. Dann ein wenig beobachten … und wirken lassen.
Nachdem der Tee genug gerührt wurde, und die angesprochene “Forschungsarbeit” beginnen konnte, zog auch schon vor dem Aufblicken der leicht süßliche Geruch aus Baked Beans, Sausages, Bacon, Potato Waffles sowie einem Spiegelei mit Toast in meineNase. Dazu noch eine weitere Scheibe Toast mit Marmelade, und das Irish Breakfast ist komplett. Bei mir blieb es vorerst nur bei dem Tee, der selbigen Namen trägt.
Alternativ stünde auch noch ein recht groß geratenes Baguette zur Auswahl, welches nach Belieben mit den unterschiedlichsten Dingen belegt werden kann. Dabei fällt auf, dass hier der Käse sehr gern geraspelt zu sich genommen wird. Im Supermarkt gibt es ein langes Regal mit Käse, überall Käse … Cheddar, Cheddar in Scheiben, Cheddar am Stück, Cheddar hell, Cheddar rot, Cheddar hell geraspelt, Cheddar rot geraspelt …
Der Gedanke an die vielen Käsevarianten wurde durch lautes Jubeln und Schreien unterbrochen. Plötzlich kam er den Gang lang, auf dem Rücken der hellgrauen Joggingjacke stand in silbernen und schillernden Lettern “Rocky”. Von der Statur passte es absolut … der kleine, aber feine Unterschied war, dass es sich hierbei um eine Frau handelte. Allerdings ging sie wie Rocky, nach einem seiner größten Siege. Wahrscheinlich hatte sie irgendeinen Sportwettbewerb gewonnen. Vom Körperbau wäre Rugby oder Hurling wohl der passende Sport gewesen.
Es ging auch nicht darum zu wissen, was oder wobei sie gewonnen hatte -das wusste kaum jemand im Coffee Dock-, aber es freute sich trotzdem jeder. Das ist eine sehr angenehme Eigenschaft der Iren. Sie überprüfen nicht erst im Detail, ob es das “wert” ist, sich zu freuen. Man freut sich einfach.
Am Nebentisch links unterhielt sich eine Gruppe irischer Studentinnen -mit den obligatorischen durch ein Glätteisen bearbeiteten Haaren- und plötzlich hörte man nur noch einen spitzen Schrei und danach ein unbeschreiblich lautes Gelächter. Ein Ire hat sein Tablett verloren … mit dem Sandwich drauf, welches nun auf dem Nebentisch lag. Diese Ausgelassenheit ist nur schwer in Worte zu fassen. In Deutschland lacht man auch, aber manchmal nur halbherzig oder aus Schadenfreude. Hier steht der Spaß im Vordergrund. Man lacht nicht über einen Menschen sondern mit ihm.
Nur rechts von mir … ein böser Blick. Der Student -mit dem Haarschnitt wie frisch vom ansässigen Ortsfriseur- wirkte nicht sehr begeistert, da dieser schon die ganze Zeit wie in Trance seine Zeitung las. In diesem Fall kann es sich nur um das irische Pendant zum deutschen “Kicker” handeln. Jegliche Störung, sei sie noch so minimal, wird dann nicht geduldet. Höchstens ein Schluck aus dem kleinen mensaüblichen “Milchfässchen” à 500 ml beim Umblättern der Seite kann diese Lektüre kurzzeitig unterbrechen. Ansonsten wird nur meditativ zelebriert.
Auch ein Fan dieses Getränks ist einer meiner lustigen Kommilitonen aus Singapur, welcher das Tablett weiter nach rechts zu dem Tisch aus Fernost balancierte. Das Lachen von dem Tisch erhöhte den Geräuschpegel nur noch um wenige weitere Dezibel, denn viel lauter konnte es eigentlich sowieso nicht mehr werden. Eigentlich …
Denn … man sollte die Iren niemals unterschätzen! Sie können alles noch ein wenig steigern. Am Tisch im hinteren Teil des Coffee Docks saßen etwa zwölf junge Studenten, die -die Betonung liegt auf eigentlich- frühstückten, bis einer von ihnen mit einem dezenten Lächeln feststellte, was man so ein Teller doch mit dem richtigen Rhythmus für gute Klänge entlocken kann. Der Rest der Gruppe wartete nicht lang, und jeder ergänzte auf seine Weise etwas.
Binnen weniger Augenblicke erreichten diese Studenten, dass die restlichen Studenten an den anderen Tischen der Mensa den Geräuschpegel auf fast 0 dB heruntersenkten, um ihnen zuzuhören. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass im Anschluss daran kein gewöhnlicher Dezibelmesser mehr gereicht hätte. Diese Atmosphäre kann kein in Buchstaben gepresster Bericht mit dem Titel ”Irish Society” vermitteln. Auch kann er nicht erklären, wie erst Rocky und dann ein Teller dafür Auslöser sein konnten, dass ein paar Hundert Studenten eine Stimmung wie bei einem Konzert erzeugten.
Man muss nur mal ganz in Ruhe einen Tee trinken.