Der August ist in Rom wie auch in anderen Teilen Italiens kein ganz normaler Monat – und das liegt nicht nur ander Hitze. Ein richtiger Italiener dreht in dieser Zeit seiner Stadt den Rücken zu. Was bleibt, ist die Hitze und verschlossene Geschäfte. Straßenzüge sehen aus wie nach abgeschlossenen Vorbereitungen zu einem G8-Treffen, als erwarteten die Besitzer einen Ansturm von gewaltbereiten Gegendemonstranten.
Rollläden und heruntergelassene Gitter überall. Nur selten streift der alte Mann aus dem Nachbarhaus mit der leicht schief sitzenden Hornbrille mit seinem alten – ebenfalls von Arthrose geplagten – und treuen Gefährten zu der letzten noch geöffneten Bar für einen kleinen Caffè durch das Prati-Viertel. Der Hund an seiner Seite wirkt nun seit einigen Tagen noch behäbiger und stets gut gefüllt mit süßen Biscotti.
Gegen 08.30 Uhr umweht ein warmer und sehr trockener Windhauch um die Nasenspitze. Der Gedanke, noch vor dem ersten Caffè Sonnencreme aufzutragen, wird recht schnell wieder verworfen. Auch hier übt der Stolz so vieler Italieners langsam einen gewissen Einfluss aus.
Es geht wie jeden Morgen ins Büro. Bereits vor einigen Wochen zeichnete sich in Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr eine merkliche Veränderung ab. Die wirklichen Ausmaße wurden jedoch erst mit dem 1. August schlagartig deutlich. Die Bahn, die zuvor in weniger als 20 Minuten fast direkt bis vor die Bürotür fuhr, fährt einfach nicht mehr. Die Gleise müssen erneuert werden. Gut, ein Blick auf die Straße ruft uneingeschränktes Verständnis hervor.
Interessant ist jedoch eine andere Sache: die Gleise werden nicht Stück für Stück in eine Fahrtrichtung ersetzt. Derzeit gibt es rund 10 Stellen, an denen mehr oder weniger fleißig gearbeitet wird. Da die Römer alle die Stadt verlassen haben, kann sich ja auch niemand mehr beschweren.
Denkt denn niemand an die junge Frau, die im Namen der Völkerverständigung jeden Tag ihren Weg ins Büro antritt?
Zunächst einmal muss das Prinzip verstanden werden. Es ist zwingend, jede Haltestelle nach einem kleinen und handbeschriebenen Hinweis zu untersuchen. Der Hinweis der römischen Verkehrsbetriebe ATAC teilt schließlich mit, dass die Bahn nicht mehr fahre. Immerhin haben sie es wohl auch schon feststellen können. Man müsse sich zur Piazza Flaminio begeben, und von dort die Straßenbahn nehmen. Dort angekommen (mit der Metro, das muss man vorher erst einmal selbst herausfinden), steht die Bahn in der Tat bereit zur Aufahrt.
All das hat auch einige Tage gut funktioniert. Doch an einem Morgen gab es plötzlich auch dort keine Gleise mehr. Und selbst der Kioskbesitzer direkt neben der Haltestelle wirkte sehr ratlos und zuckte nur mit den Schultern. Was bleibt, ist die Suche nach dem kleinen Hinweisschild auf einem doch recht großen Platz. Das Auffinden dieses Schnipsels erzeugt ähnliche Glücksgefühle, wie das Öffnen des Adventskalendertörchens kurz vor Weihnachten. Die Spannung steigt - in diesem Fall allerdings nicht nur im positiven Sinne.
Auch das Gefühl, man kenne doch schon den Inhalt des nächsten Törchens… es wird spätestens am nächsten Morgen wieder außer Kraft gesetzt. Die Schokolade ist plötzlich weiß, und auch der Weg zur Arbeit ist schon wieder ein ganz anderer.
Inzwischen hat ATAC es geschafft, dass ich bei jeder Fahrt 5x umsteigen muss, und Teilstrecken zu Fuß laufe, weil gar kein Ersatzverkehr vorgesehen ist. Die neue Fahrzeit beträgt (vorläufig) rund 1,5 Stunden für eine Strecke.
Ein Gedanke bereitet doch gewisses Unbehagen: Wann kommt das letzte Törchen des Kalenders mit der ganz großen Überraschung?
Einen Vorgeschmack gab es bereits heute. In einem Bus fragte eine Frau den schon recht alten Mann, der neben ihr an der Tür stand: „Entschuldigen Sie, aber fährt dieser Bus zur Piazza Flaminio?“ – „Hoffen wir’s.“



