Es fing alles mit der Eitelkeit an. Vor rund drei Wochen mit dem Verlassen des Flugzeugs wurde die Armbanduhr vom Handgelenk hinein in die Tasche verbannt. Vorbei sind die Zeiten, da man in der Schule stolz untereinander verglichen hat, wer das „weißeste“ Mal unter der Uhr trägt. Das Mal, das davon zeugt, dass der Urlaub zwar vorbei ist, aber die Reise schön war, und man auch eine entsprechende Bräune mit im Gepäck hat.
Heute als Erwachsener bevorzugt ich doch eher die nahtlose Bräune – glücklicherweise. Welch Schauspiel, wenn der Besuch nach der Ankunft in Rom mit unsicherem Blick die Uhr entfernt, in der Furcht, dass der Arm rund um den Chronographen farblich nicht konkurrieren kann, weil die Sonne Deutschland gemieden hat.
Mit Beginn der Arbeit im Büro kam die Uhr jedoch wieder an das Handgelenk. Jedoch nur für einen Tag. Dann versagte die Batterie, und mir fiel auch ein, an was ich bei den Reisevorbereitungen nicht gedacht hatte. In Anbetracht des Koffergewichts wurde auf eine Ersatzuhr verzichtet. Leichte Panik breitete sich aus, denn einige Menschen – zu denen ich auch gehöre – können das Haus nicht ohne eine funktionstüchtige Uhr verlassen. Diese Menschen lässt der Gedanke erschaudern, zukünftig und vielleicht auch zeitgemäß auf das Handy zu schauen.
Doch, was ist passiert? Das Handy wird weiterhin nur aus der Tasche genommen wenn es klingelt, aber die Uhr fehlt dennoch nicht am Handgelenk. Das Gefühl der Nacktheit stellte sich nicht ein. Da die Frage nach dem „Woran liegt’s?“ immer häufiger gestellt wird, soll ihr nun hier auch auf den Grund gegangen werden.
Mal abgesehen vom Blick auf den immer viel zu früh eingestellten Wecker stellt sich während des ganzen Tages kein Bedürfnis ein, die Uhrzeit zu kennen. Im Büro folgt alles nach einem festen Ablauf, und spätestens um 13 Uhr meldet sich der Pranzo-Kollege zu Wort und läutet mit dem Aufsetzen der Matrix-Sonnenbrille den Beginn der Mittagspause ein. Da die Einhaltung von Outlookterminen nicht sonderlich genau genommen wird, liegt man zeitlich nie falsch, wenn man eine Aufgabe erst einmal beendet, bevor es zu einem Gespräch geht. Dass es Zeit für den Feierabend ist, merkt man an den schweigenden Telefonen und Handys, die sonst synchron im Minutentakt energisch erklingen.
Den Bus kann man nicht verpassen, weil er sowieso nicht kommt. Man hat Zeit in Rom. Gerade so als wollten die Römer es auch jedem neuen Einwohner als Hinweis mit auf den Weg geben: die Uhren an öffentlichen Gebäuden funktionieren auch nicht. Manchmal kommt das Gefühl auf, die Armbanduhr neigte nur zur schnellen Anpassung an die Umgebung.
Angekommen zu Hause, bei einer kleinen Pause auf dem Balkon weiß ich sofort, wenn das Kochen nicht länger warten sollte. Pünktlich um 20 Uhr nimmt eine Horde von mindestens 500 Spatzen die Bäume unterhalb meines Balkons ein. Sie zwitschern so laut, wie man es sonst nur von den Italienern selbst kennt. Später nach dem Essen, nun mit einem Tee auf dem Balkon sitzend, sieht man im Haus gegenüber einen Nonno auf seinem kleinen Balkon mit neuen Klimageräten kämpfen. Die Nonna steht daneben und schimpft, weil er zu langsam ist. Denn, pünktlich um 20.30 bzw. 20.45 Uhr – je nach Sender – beginnt eine der täglichen Spielshows bei den Haussendern von Silvio.
Hupen, es ist 21.30 Uhr. Die letzten entnervten Römer kommen aus den Büros und wollen so schnell es geht nach Hause. Knatternde Vespas kündigen verspätete Herren um die 50 im Maßanzug mit ihrem Klapphandy am Ohr unter den modischen Motorradhelmen an.
Wenn es noch einmal laut wird, dann wird es Zeit, sich langsam auf den Weg ins Bett zu machen. Es ist 23.00 Uhr, und die Stadtreinigung kehrt die Gehwege. Ein lautes Quietschen erinnert mich um 23.30 Uhr daran, dass ich jetzt wirklich ins Bett gehen sollte. Die Leute von der Müllabfuhr sind da, pünktlich wie die Feuerwehr, aber sie ist erst für 01.00 Uhr vorgesehen auf meiner Uhr.




Eine schöne Zeitgeschichte. Und sie hat mich an die zwei Male erinnert, die ich umkehrte, als ich festgestellt hatte, dass die Uhr fehlt.
Ich bin mir sicher, Ende September wird es mir auch wieder so ergehen.