Sanft streichelte sie ihm noch einmal durch das bereits grau melierte Haar. Er lächelte verschmitzt und hielt sie an ihrem Arm fest, als sie sich gerade umdrehen und gehen wolle. Dann schaute er sie an, kippte den Kopf auf die Seite und hielt ihn ihr praktisch vor das Gesicht. Also streichelte sie ihm erneut über den Kopf, und er drückte sich wie ein Kind ganz fest an sie. Erst danach war er bereit, sich von seiner Schwester zu verabschieden.
Vorbei an der stets gut duftenden Cornetteria, über mehrere zu hohe Bürgersteige hinweg -bei der sich selbst so manche Taube auf der Suche nach einem Brotkrümel überschlagen hat- bis zur Haltestelle Ottaviano. Morgens gegen 08.35 Uhr ist es dort immer besonders voll, weil kein Römer gerne früh aufsteht und sich statt dessen lieber in überfüllte Busse quetscht.
So auch dieser grau melierte Römer. Er stand ganz normal wartend an der Bushaltestelle. Doch plötzlich erreichte sein Auge etwas, das ihn nicht mehr loslassen wollt. Eine junge Frau, mit sehr unrömisch blondierten Haaren, in einer weißen Stoffhose und ansonsten auch recht tiefdekolletiert. Er war begeistert. Und was macht man als -relativ- junger Mann schließlich? Das Objekt der Begierde ganz genau in Augenschein nehme.
Ganz langsam näherte er sich von hinten an, beugte den Kopf herunter und stoppte genau vor ihrem Po. Er war von dem Anblick faziniert und lächelte voller Glück. Einige Passanten lächelten mit. Als die Frau mit ihrem rechten Fuß zu einem Lied, das aus ihrem iPod erklang, rhythmisch den Takt angab, beobachtete er es zunächst. Doch dann stellte er sich hinter sie und übertrug ihre Bewegungen gänzlich auf sich. Binnen weniger Sekunden ergaben sie ein einheitliches Bild. Auch wenn die Frau von all dem nichts bemerkte. Doch leider kam der Bus um die Ecke gefahren, und er -nennen wir ihn mal Signore Bigio- musste los.
Zwei Wochen lang haben sich die Wege nicht mehr gekreuzt, doch am letzten Donnerstag kam es zu einem Wiedersehen mit Signore Bigio. Ganz unbemerkt war er plötzlich da. Er stand neben mir und lächelte. Signore Bigio lächelte, weil er bemerkte, dass wir „zufälligerweise“ wie ein Zwillingspaar an der Haltestelle standen – beide mit verschränkten Armen wie kleine Soldaten nebeneinander. Ihn macht es aber anscheinend nicht nur großen Spaß sondern auch ziemlich glücklich zugleich.
Plötzlich verschwand sein Lächeln, der 490er Bus kam wieder um die Ecke gebogen. Er lief sofort zur Bahnsteigkante und zückte den Arm. Signore Bigio winkte aufgeregt dem Busfahrer zu, damit dieser auch ja nicht ohne ihn losführe – auch wenn durchschnittlich immer noch 40 andere Leute diesen Bus nehmen. Wie auch beim letzten Mal stieg er wieder ganz vorn ein. Gerade als der Busfahrer die Tür schließen wollte, kam eine kleine, sehr alte Dame angehumpelt. Signore Bigio klopfte sofort voller Aufregung an die Scheibe des Busfahrers, winkte und schien zu allem bereit, damit dieser auf keinen Fall ohne die alte Dame abfahren würde.
Sie lächelte freundlich als sie einstieg, und er verbeugte sich, währenddessen er seinen imaginären Zylinder zückte. Dann wurde seine Miene wieder ernst. Er drehte sich zu dem Busfahrer um, reckte den Arm spitz nach vorn, wie bei einer nahenden Schlacht für den Angriff, und gab dem Fahrer das Zeichen, dass er nun losfahren könne.
Ein Held ohne Menschenliebe ist kein Held. Doch dieser Signore Bigio ist ein kleiner Held, weil er sichtbar die Menschen mag. Auch wenn viele Leute es ihm nicht sofort zutrauen würden, nur weil ihm ein Chromosom fehlt.



