fantasmagorique

- être dans la lune

Was ist ein Held ohne Menschenliebe. 29 Juni, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben — fantasmagorique @ 5:31

Sanft streichelte sie ihm noch einmal durch das bereits grau melierte Haar. Er lächelte verschmitzt und hielt sie an ihrem Arm fest, als sie sich gerade umdrehen und gehen wolle. Dann schaute er sie an, kippte den Kopf auf die Seite und hielt ihn ihr praktisch vor das Gesicht. Also streichelte sie ihm erneut über den Kopf, und er drückte sich wie ein Kind ganz fest an sie. Erst danach war er bereit, sich von seiner Schwester zu verabschieden.

Vorbei an der stets gut duftenden Cornetteria, über mehrere zu hohe Bürgersteige hinweg -bei der sich selbst so manche Taube auf der Suche nach einem Brotkrümel überschlagen hat- bis zur Haltestelle Ottaviano. Morgens gegen 08.35 Uhr ist es dort immer besonders voll, weil kein Römer gerne früh aufsteht und sich statt dessen lieber in überfüllte Busse quetscht.

So auch dieser grau melierte Römer. Er stand ganz normal wartend an der Bushaltestelle. Doch plötzlich erreichte sein Auge etwas, das ihn nicht mehr loslassen wollt. Eine junge Frau, mit sehr unrömisch blondierten Haaren, in einer weißen Stoffhose und ansonsten auch recht tiefdekolletiert. Er war begeistert. Und was macht man als -relativ- junger Mann schließlich? Das Objekt der Begierde ganz genau in Augenschein nehme.

Ganz langsam näherte er sich von hinten an, beugte den Kopf herunter und stoppte genau vor ihrem Po. Er war von dem Anblick faziniert und lächelte voller Glück. Einige Passanten lächelten mit. Als die Frau mit ihrem rechten Fuß zu einem Lied, das aus ihrem iPod erklang, rhythmisch den Takt angab, beobachtete er es zunächst. Doch dann stellte er sich hinter sie und übertrug ihre Bewegungen gänzlich auf sich. Binnen weniger Sekunden ergaben sie ein einheitliches Bild. Auch wenn die Frau von all dem nichts bemerkte. Doch leider kam der Bus um die Ecke gefahren, und  er -nennen wir ihn mal Signore Bigio- musste los.

Zwei Wochen lang haben sich die Wege nicht mehr gekreuzt, doch am letzten Donnerstag kam es zu einem Wiedersehen mit Signore Bigio. Ganz unbemerkt war er plötzlich da. Er stand neben mir und lächelte. Signore Bigio lächelte, weil er bemerkte, dass wir „zufälligerweise“ wie ein Zwillingspaar an der Haltestelle standen – beide mit verschränkten Armen wie kleine Soldaten nebeneinander. Ihn macht es aber anscheinend nicht nur großen Spaß sondern auch ziemlich glücklich zugleich.

Plötzlich verschwand sein Lächeln, der 490er Bus kam wieder um die Ecke gebogen. Er lief sofort zur Bahnsteigkante und zückte den Arm. Signore Bigio winkte aufgeregt dem Busfahrer zu, damit dieser auch ja nicht ohne ihn losführe – auch wenn durchschnittlich immer noch 40 andere Leute diesen Bus nehmen. Wie auch beim letzten Mal stieg er wieder ganz vorn ein. Gerade als der Busfahrer die Tür schließen wollte, kam eine kleine, sehr alte Dame angehumpelt. Signore Bigio klopfte sofort voller Aufregung an die Scheibe des Busfahrers, winkte und schien zu allem bereit, damit dieser auf keinen Fall ohne die alte Dame abfahren würde.

Sie lächelte freundlich als sie einstieg, und er verbeugte sich, währenddessen er seinen imaginären Zylinder zückte. Dann wurde seine Miene wieder ernst. Er drehte sich zu dem Busfahrer um, reckte den Arm spitz nach vorn, wie bei einer nahenden Schlacht für den Angriff, und gab dem Fahrer das Zeichen, dass er nun losfahren könne.

Ein Held ohne Menschenliebe ist kein Held. Doch dieser Signore Bigio ist ein kleiner Held, weil er sichtbar die Menschen mag. Auch wenn viele Leute es ihm nicht sofort zutrauen würden, nur weil ihm ein Chromosom fehlt.

 

Lebende Uhren 5 Juni, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben, andere Kulturen — fantasmagorique @ 11:04

Es fing alles mit der Eitelkeit an.  Vor rund drei Wochen mit dem Verlassen des Flugzeugs wurde die Armbanduhr vom Handgelenk hinein in die Tasche verbannt. Vorbei sind die Zeiten, da man in der Schule stolz untereinander verglichen hat, wer das „weißeste“ Mal unter der Uhr trägt. Das Mal, das davon zeugt, dass der Urlaub zwar vorbei ist, aber die Reise schön war, und man auch eine entsprechende Bräune mit im Gepäck hat.

Heute als Erwachsener bevorzugt ich doch eher die nahtlose Bräune – glücklicherweise. Welch Schauspiel, wenn der Besuch nach der Ankunft in Rom mit unsicherem Blick die Uhr entfernt, in der Furcht, dass der Arm rund um den Chronographen farblich nicht konkurrieren kann, weil die Sonne Deutschland gemieden hat.

Mit Beginn der Arbeit im Büro kam die Uhr jedoch wieder an das Handgelenk. Jedoch nur für einen Tag. Dann versagte die Batterie, und mir fiel auch ein, an was ich bei den Reisevorbereitungen nicht gedacht hatte. In Anbetracht des Koffergewichts wurde auf eine Ersatzuhr verzichtet. Leichte Panik breitete sich aus, denn einige Menschen – zu denen ich auch gehöre – können das Haus nicht ohne eine funktionstüchtige Uhr verlassen. Diese Menschen lässt der Gedanke erschaudern, zukünftig und vielleicht auch zeitgemäß auf das Handy zu schauen.

Doch, was ist passiert? Das Handy wird weiterhin nur aus der Tasche genommen wenn es klingelt, aber die Uhr fehlt dennoch nicht am Handgelenk. Das Gefühl der Nacktheit stellte sich nicht ein. Da die Frage nach dem „Woran liegt’s?“ immer häufiger gestellt wird, soll ihr nun hier auch auf den Grund gegangen werden.

Mal abgesehen vom Blick auf den immer viel zu früh eingestellten Wecker stellt sich während des ganzen Tages kein Bedürfnis ein, die Uhrzeit zu kennen. Im Büro folgt alles nach einem festen Ablauf, und spätestens um 13 Uhr meldet sich der Pranzo-Kollege zu Wort und läutet mit dem Aufsetzen der Matrix-Sonnenbrille den Beginn der Mittagspause ein. Da die Einhaltung von Outlookterminen nicht sonderlich genau genommen wird, liegt man zeitlich nie falsch, wenn man eine Aufgabe erst einmal beendet, bevor es zu einem Gespräch geht. Dass es Zeit für den Feierabend ist, merkt man an den schweigenden Telefonen und Handys, die sonst synchron im Minutentakt energisch erklingen.

Den Bus kann man nicht verpassen, weil er sowieso nicht kommt. Man hat Zeit in Rom. Gerade so als wollten die Römer es auch jedem neuen Einwohner als Hinweis mit auf den Weg geben: die Uhren an öffentlichen Gebäuden funktionieren auch nicht. Manchmal kommt das Gefühl auf, die Armbanduhr neigte nur zur schnellen Anpassung an die Umgebung.

Angekommen zu Hause, bei einer kleinen Pause auf dem Balkon weiß ich sofort, wenn das Kochen nicht länger warten sollte. Pünktlich um 20 Uhr nimmt eine Horde von mindestens 500 Spatzen die Bäume unterhalb meines Balkons ein. Sie zwitschern so laut, wie man es sonst nur von den Italienern selbst kennt. Später nach dem Essen, nun mit einem Tee auf dem Balkon sitzend, sieht man im Haus gegenüber einen Nonno auf seinem kleinen Balkon mit neuen Klimageräten kämpfen. Die Nonna steht daneben und schimpft, weil er zu langsam ist. Denn, pünktlich um 20.30 bzw. 20.45 Uhr – je nach Sender – beginnt eine der täglichen Spielshows bei den Haussendern von Silvio.

Hupen, es ist 21.30 Uhr. Die letzten entnervten Römer kommen aus den Büros und wollen so schnell es geht nach Hause. Knatternde Vespas kündigen verspätete Herren um die 50 im Maßanzug mit ihrem Klapphandy am Ohr unter den modischen Motorradhelmen an.

Wenn es noch einmal laut wird, dann wird es Zeit, sich langsam auf den Weg ins Bett zu machen. Es ist 23.00 Uhr, und die Stadtreinigung kehrt die Gehwege. Ein lautes Quietschen erinnert mich um 23.30 Uhr daran, dass ich jetzt wirklich ins Bett gehen sollte. Die Leute von der Müllabfuhr sind da, pünktlich wie die Feuerwehr, aber sie ist erst für 01.00 Uhr vorgesehen auf meiner Uhr.