fantasmagorique

- être dans la lune

Ulrich Wickert für Fortgeschrittene 23 Mai, 2009

Gespeichert unter: Italien, andere Kulturen — fantasmagorique @ 6:36

Der Fernsehbericht von Ulrich Wickert als Auslandskorrespondet in Paris aus dem Jahr 1995, in dem er anschaulich erklärt, wie man am besten den Place de la Concorde mit seinen sieben Fahrspuren überquert, hat über die Jahre einen besonderen Platz in dem Archiv der ARD eingenommen. In den meisten Reportagen über Ulrich Wickert wird auch ein Ausschnitt des Berichts gezeigt. Über die Jahre wurde der Gang über den Place de la Concorde sogar vielfach kopiert:

Wie aber auch in diesem Video zu sehen ist, eine wirklich Herausforderung ist es eigentlich nicht. Das Einatmen der ganzen Autoabgase der 90er-Jahre -damals noch ohne Rußfilter- schien da letztlich gefährlicher für den Probanden zu sein.

Wer jedoch nun sagt, das schaffe ich mit links, dem sei der Hinweis gegeben, er möge sich doch statt Paris besser Rom für eine Reise mit entsprechenden Ambitionen aussuchen.

Denn gemessen an den noch zaghaften Parisern ist der klassische Römer hinter dem Steuer eines Atac-Busses (der Name gibt schon Hinweise), einer alten Vespa oder eines von anderen mutigen Fahrern gezeichneten Autos ein ganz anderes Kaliber. Damit sind verbeulte, zerkratzte oder sogar noch sehr neue Pkw mit abgebrochener Stoßstange gemeint.

Auch wenn die Straßen nicht mit sieben Spuren ausgestatt sind, kann der gefühlte Weg durchaus länger sein. Möchte der Tourist oder Zugereiste nur mal eben die Straße überqueren, so beginnt ein Abenteuer der besonderen Art. Auch wenn er noch nicht zu sehen ist, der mittelalte, rundliche und großflächig bebrillte Italiener. Der Römer mit dem halb aufgeknöpften Hemd, das dem dichten und von der Hitze verschwitzten Brusthaar die Möglichkeit gibt im Fahrtwind zu trocknen, kündigt sich an.

In der Regel ist es ein Hupen, zwischenzeitlich gepaart mit einem lauten Schimpfen, welches die Touristen erstarren lässt. Der Amerikaner nimmt erfurchtsvoll die edle Sonnenbrille von der Nase und zieht den Sportschuh mit der besonders dicken Sohle vorsichtig von dem ersten Teilstück des Zebrastreifens zurück. Auch die asiatischen Touristen schauen verschämt über den die Stirn kühlenden Fächer hinweg und zucken zusammen. Nein, wer da im wahrsten Sinne des Wortes so angebrettert kommt, den sollte man lieber fahren lassen. Sei es drum, dass man als Fußgänger beim Überqueren des Zebrastreifens Vorrang hat.

Die Kleingruppen bleiben sodann wie angewurzelt stehen. Was aber passiert? Ein Hupkonzert beginnt, der Busfahrer zieht mit der Express-Linie haarscharf am Fuß der jungen Japanerin in den Sandalen vorbei. Zunächst kommt der Gedanke der Rücksichtslosigkeit auf, doch im Gespräch mit einer italienischen Arbeitskollegin wendet sich der Blick eher in Richtung konsequentes Zeitmanagement.

„We are busy, busy and busy. You know?“, sagt sie mit ihrem charmant ausgeprägten Akzent.

Also noch einmal von vorn. Wer es eilig hat, sollte niemals beim Überqueren der Straße anhalten. Für den Zugereisten heißt es, nicht gucken, einfach gehen. Es wird nichts passieren, es sei denn, der Lauffluss wird unterbrochen. Ein Römer auf 2-4 Rädern rechnet damit nicht. Er fährt immer weiter, notfalls umfährt er den Fußgänger. Er fährt ihn jedoch niemals um.

Deshalb locker und lächelnd die Straße überqueren und niemals vergessen, sich die Sonnenbrille zuvor elegant ins Haar stecken. Wenngleich sich bei diesem Anblick die weitgereiste Touristin schockiert die Hand vor den Mund hält, und mit aufgerissenen Augen das Geschehen beobachtet… Nachdem man die Straße entspannt passiert hat, ist im Hintergrund wieder das nicht endende Geräusch zu hören, welches eine schwere Hand auf der Hupe eines fluchenden Römers vermuten lässt. Ein Tourist steht wieder verzweifelt auf dem Zebrastreifen.

 

Spirito d’avventura ? 16 Mai, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben — fantasmagorique @ 10:39

In gut 24 Stunden geht es wieder los. Ich habe ein déjà-vu bei dem Blick in Richtung Bett. Dort steht wieder die prallgefüllte Tasche bereit für die Reise. Auf ihr eine kleine Fliege, mit der stillen Hoffnung auf eine heimliche Reise mit in den Süden. Sie muss allerdings hierbleiben. Meine Tasche wiegt sowieso schon wieder mehr als sie wiegen dürfte.

Den Zeitpunkt der Abreise habe ich bislang erfolgreich nach hinten verdrängen können. Da die letzten Tage allerdings sehr ereignisreich waren, blieb gar nicht mehr viel Zeit für andere Dinge. Die innere Liste des „was ich noch machen möchte“ konnte nicht ansatzweise abgearbeitet werden. Statt dessen versuche ich seit Donnerstag täglich rund 30 Römer anzuschreiben über easystanza mit dem Wunsch, doch noch ein kleines Zimmer in der großen Stadt für die nächsten vier Monate zu finden.

Auf jeden Fall war es schon mal ein guter Einstieg in die italienische Mentalität. Alles hat sehr viel Zeit, d.h. ein Wohnungsangebot vom Arbeitgeber aus Italien bzw. Zimmer nur mit einem Bett, Schrank und Spüle für 1.300€ bei 3,5 Monaten Suche. Danach kochende Emotionen, schweigen sowie anschließendem Beilegen des Kriegsbeils. Was ist dabei herausgekommen? Man versteht sich wieder gut, aber ich suche immer noch alleine nach einer Wohnung.

Immerhin stehen für Montag zwei Besichtigungen in Mini-WGs an. Vielleicht ist doch etwas dabei, und die ganzen Gedanken und Sorgen der letzten Tage waren umsonst.

Reiselust ja, Abenteuerlust … nein. Es werden mit Sicherheit auch so sehr ungewöhnliche Wochen und Monate in Rom.

Es geht also wieder mal in ein Land mit „I“, aber dieses Mal weit in den Süden und wesentlich wärmer als Irland im Winter. Was die Wohnungssuche, die Arbeit mit impulsiven Italienerinnen sowie das temporäre Leben in dieser oft besprochenen Stadt macht- ich werde berichten!