Wozu gibt es Journalisten? Der Deutsche Journalisten-Verband gibt uns darauf eine einfache Antwort: „[...]der Journalist ist an der Verbreitung von Meinungen, Informationen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt.“
Das klingt zunächst einmal plausibel. Problematisch jedoch wird es, wenn der Leser sich auf die ihm präsentierten – und letztlich auch selektieren – Informationen verlassen muss, weil er nun einmal nicht immer überall am Ort des Geschehens sein kann.
So geschah es, dass US-Notenbankchef Ben Bernanke gestern den Halbjahresbericht der Öffentlichkeit präsentiert hat. Um der Frage auf den Grund zu gehen, wie sich die wirtschaftliche Lage aus Sicht der FED in den nächsten Monaten entwickeln könnte, schaut man sich in diversen Onlinemedien um.
Ganz klassisch beginnt man mit dem Internetangebot der Tagesschau. Robert Kiendl vom HR-Hörfunkstudio Washington lässt seine Leser wissen, dass die Hoffnung in der jetzigen Situation sehr gering sei, auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu hoffen. Ben Bernanke teilte der breiten Öffentlichkeit mit, man könne von einem harten Jahr 2009 ausgehen. Eine Besserung für das Jahr 2010 sei nur in Sicht, wenn alle angestrebten Konjunkturmaßnahmen greifen. Wenn. Um es auf den Punkt zu bringen: „Das Schlimmste kommt noch“, wie Herr Kiendl konstatieren muss.
Nach der Lektüre dieses Artikel sackt der Leser in sich zusammen und begräbt das kleine Pflänzchen Hoffnung, das hier in Deutschland derzeit noch existiert. Die Krise greift um sich, und letztlich wird sie nicht aufzuhalten sein.
Denkt man.
Wer gestern den Artikel von Josef Joffe auf zeit.de gelesen hat, wird eines Besseren belehrt. Krise? Rezessionsängste?
Nein, die „US-Notenbank verbreitet Optimismus“! Wer hätte das gedacht? Nur kurz zuvor bildeten sich vor dem inneren Auge die schwarzen Wolken der Konjunkturkrise, und schon muntert Herr Joffe den Leser wieder auf.
Die Kernaussage beider Artikel ist bei genauer Betrachtung dieselbe, nämlich das Krisenende naht, wenn die Konjunturpakete greifen. Wie schön, wenn der Leser die Zeit findet, die Artikel ganz zu lesen. Was aber passiert, wenn die Zeit nur für das Überfliegen des Titels reicht? Was bleibt dann im Kopf des Lesers hängen?
Ist es der Optimismus oder ist es doch eher die Krise? Wie viele Menschen haben vielleicht gestern nur den Krisenbeitrag auf tagesschau.de gelesen? Und wie viele Menschen sehen auf der anderen Seite schon wieder einen nahenden Aufschwung?
Es bleibt festzuhalten, dass jeder Journalist sich ebenso mit Bedacht Gedanken über den Titel seines Artikels wie auch den Inhalt machen muss. Die subjektive Einschätzung der Lage ist ebenfalls immer Teil der Berichterstattung. Doch ist sie auch Machtinstrument und zugleich Quelle möglicher Missverständnisse. Gerade wenn der Titel nur wenige Worte umfassen darf, muss überlegt werden, welche Wirkung bei dem Leser erzielt werden soll.
Und in der jetzigen Situation, in der weder Ökonomen, Politiker noch Mitglieder renommierter Thinktanks eine zuverlässige Aussage über die Zukunft treffen können, sollte man als Journalist ebenfalls nicht zu schnell urteilen.



