fantasmagorique

- être dans la lune

Der Blick in die Glaskugel 26 Februar, 2009

Gespeichert unter: Krise — fantasmagorique @ 12:36

Wozu gibt es Journalisten? Der Deutsche Journalisten-Verband gibt uns darauf eine einfache Antwort: „[...]der Journalist ist an der Verbreitung von Meinungen, Informationen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt.“

Das klingt zunächst einmal plausibel. Problematisch jedoch wird es, wenn der Leser sich auf die ihm präsentierten – und letztlich auch selektieren – Informationen verlassen muss, weil er nun einmal nicht  immer überall am Ort des Geschehens sein kann.

So geschah es, dass US-Notenbankchef Ben Bernanke gestern den Halbjahresbericht der Öffentlichkeit präsentiert hat. Um der Frage auf den Grund zu gehen, wie sich die wirtschaftliche Lage aus Sicht der FED in den nächsten Monaten entwickeln könnte, schaut man sich in diversen Onlinemedien um.

Ganz klassisch beginnt man mit dem Internetangebot der Tagesschau. Robert Kiendl vom HR-Hörfunkstudio Washington lässt seine Leser wissen, dass die Hoffnung in der jetzigen Situation sehr gering sei, auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu hoffen. Ben Bernanke teilte der breiten Öffentlichkeit mit, man könne von einem harten Jahr 2009 ausgehen. Eine Besserung für das Jahr 2010 sei nur in Sicht, wenn alle angestrebten Konjunkturmaßnahmen greifen. Wenn. Um es auf den Punkt  zu bringen: „Das Schlimmste kommt noch“, wie Herr Kiendl konstatieren muss.

Nach der Lektüre dieses Artikel sackt der Leser in sich zusammen und begräbt das kleine Pflänzchen Hoffnung, das hier in Deutschland derzeit noch existiert. Die Krise greift um sich, und letztlich wird sie nicht aufzuhalten sein.

Denkt man.

Wer gestern den Artikel von Josef Joffe auf zeit.de gelesen hat, wird eines Besseren belehrt. Krise? Rezessionsängste?

Nein, die „US-Notenbank verbreitet Optimismus“! Wer hätte das gedacht? Nur kurz zuvor bildeten sich vor dem inneren Auge die schwarzen Wolken der Konjunkturkrise, und schon muntert Herr Joffe den Leser wieder auf.

Die Kernaussage beider Artikel ist bei genauer Betrachtung dieselbe, nämlich das Krisenende naht, wenn die Konjunturpakete greifen. Wie schön, wenn der Leser die Zeit findet, die Artikel ganz zu lesen. Was aber passiert, wenn die Zeit nur für das Überfliegen des Titels reicht? Was bleibt dann im Kopf des Lesers hängen?

Ist es der Optimismus oder ist es doch eher die Krise? Wie viele Menschen haben vielleicht gestern nur den Krisenbeitrag auf tagesschau.de gelesen? Und wie viele Menschen sehen auf der anderen Seite schon wieder einen nahenden Aufschwung?

Es bleibt festzuhalten, dass jeder Journalist sich ebenso mit Bedacht Gedanken über den Titel seines Artikels wie auch den Inhalt machen muss. Die subjektive Einschätzung der Lage ist ebenfalls immer Teil der Berichterstattung. Doch ist sie auch Machtinstrument und zugleich Quelle möglicher Missverständnisse. Gerade wenn der Titel nur wenige Worte umfassen darf, muss überlegt werden, welche Wirkung bei dem Leser erzielt werden soll.

Und in der jetzigen Situation, in der weder Ökonomen, Politiker noch Mitglieder renommierter Thinktanks eine zuverlässige Aussage über die Zukunft treffen können, sollte man als Journalist ebenfalls nicht zu schnell urteilen.

 

Krisengeschüttelt 4 Februar, 2009

Gespeichert unter: Krise — fantasmagorique @ 10:47

Nach mehreren Monaten Pause nun heute die Rückkehr. Mit einem Paukenschlag. Und er klingt so: Krise!

Krise überall, und wir mittendrin. Alles fing ganz harmlos mit einer Finanzkrise an, mündete in eine Wirtschaftskrise, und etwa zeitgleich erreichte mein Blog eine Struktur- und Identitätskrise. Nun bin ich wieder da. Mit einer inhaltlichen Neuausrichtung und neuen Ideen im Gepäck. Und der Auslöser ist, wie soll es anders sein, eine Krise.

Man könnte sie mit Sinnkrise umschreiben. Wenn man dieses Wort bei Google eingibt, so trifft man recht schnell auf die Beschreibung, dass es sich dabei um einen Zustand handelt, in dem man wirklich unzufrieden wird.

Das alles hat aber weniger mit dem Leben zu tun, sondern mit der Art und Weise, als junger Absolvent sein Geld zu verdienen. Grundsätzlich kann ich mich nicht beklagen, da ich nun für achtzehn Monate über ein regelmäßiges Einkommen verfügen werde. Das Problem ist vielmehr woanders zu suchen.

Da diese Zeiten der Massenkrisen auch erneut alte Bekannte wie Herrn Marx und den nicht zu unterschätzenden Herrn Keynes wiederauferstehen lassen, möchte ich mich wie folgt ausdrücken: Nach der klassischen Arbeitswerttheorie ist es für den Produzenten notwendig, dass der Arbeiter mit seiner Leistung einen Mehrwert erarbeitet, welcher die reinen Reproduktionskosten überschreitet. Für den Arbeiter selbst beinhaltet diese Zeit jedoch keinen Wert. Der Gewinn des Produzenten ergibt sich gemäß dieser Auffassung letztlich aus der Ware Arbeitskraft.

Im Studium habe ich mich sehr viele Monate mit dieser Theorie beschäftigt  habe jedoch immer die Realitätsnähe vermisst. Nun ist sie da. Und da ist auch wieder die Sinnkrise.

Jeden Tag bin ich fünf Stunden unterwegs, um ins Büro und auch wieder nach Hause zu kommen, doch nie habe ich das Gefühl, dass dieser Tag mit einer sinnvollen Tätigkeit gefüllt war. Ich suche verzweifelt nach dem Wert. Auch ist es erschreckend, wie die Menschen vor Ort scheinbar nichts von den Veränderungen um sie herum mitbekommen. Die Banken kollabieren, die ersten Anzeichen einer neuen Entlassungswelle sind unübersehbar, doch die Menschen rühren in einer Seelenruhe den Instantkaffee in eine Prozellantasse mit aufgedrucktem Glücksklee, um ihn dann in einer langen Pause in kleinen Schlucken zu trinken.

Man könnte meinen, der Gesellschaft wäre der Ernst der Lage entgangen, und darum möchte ich an dieser Stelle auf den lesenswerten Artikel von Marc Brost und Bernd Ulrich aus der ZEIT verweisen.  Sie sprechen genau das aus, was ich gerne zu meinen Kollegen im Büro sagen würde: „Jetzt mal ehrlich“