fantasmagorique

- être dans la lune

Berliner Luft 27 Januar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 3:13

Grundsätzlich besteht eine große Diskrepanz zwischen bloßen Worten um dem Leben selbst. Je nach Situation bleibt jedoch keine andere Wahl, und das Leben muss in Worte gefasst werden. In diesem Fall steht das Berliner Leben im Vordergrund. Und wo findet es bevorzugt statt – mal abgesehen von Cafés, S-Bahnen oder der Straße selbst? Genau, an der Uni. Gemeinhin bekannt als Think Tanks oder Oasen des Wissens bzw. akkumulierter Informationen. Die Köpfe rauchen und beeinflussen so die Zusammensetzung der Luft -der Berliner Luft.

Mir bot sich die Möglichkeit an einer Vorlesung mit anschließender Diskussion zum Thema Kinderarbeit und Entwicklungspolitik teilzunehmen. Mit dem Augenblick, als sich die Tür schloss, verspürte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Es lag nicht an der Luft. Etwa 30 Studenten saßen in dem Seminarraum einer Universität, die durch viele Fenster das freie Denken ermöglicht. Mit Fortschreiten der Diskussion fragte ich mich, ob es nicht manchmal sinnvoller sei, die Fenstergröße auf ein bestimmtes Maß zu beschränken. Das Denken soll selbstverständlich nicht beschränkt werden, aber vielleicht könnte es somit auch ein wenig realistischer werden. Oberhalb der Tischkante erfüllten die Damen und Herren alle Ansprüche an Studenten (sowie Klischees) eines solchen Studiengangs. Sie trugen die Haare ungekämmt, da das äußere Erscheinungsbild natürlich wesentlich unwichtiger ist, als die Belange von Kindern in der Welt. Die Pullis hatten Löcher, denn heute weiß man ja nicht mehr, ob die Kleidung im Geschäft durch Kinderarbeit produziert wurde. Neben dem Spiralblock, der allerdings von dem Großteil der Studenten in kleinster Schrift beschrieben wurde (man muss Papier sparen), stand sogar eine Flasche Wasser – nicht irgendein Wasser, es war ethisch korrektes Wasser (!), wie ich lesen durfte. Jedoch konnte ich dem Flaschenetikett nicht entnehmen, inwieweit das aufwändig und sehr bunt gestaltete Erscheinungsbild der Flasche auch diesen Prinzipien entsprach…

Der Kaffee war selbstverständlich fair gehandelt, aber überraschenderweise nicht in einem Porzellanbecher. Nein, man geht mit der Zeit, und da muss er aus Pappe sein. Schließlich ist er ‘to go’. Hier geht es eben um Kinder und nicht um die Umwelt. Und der Tee? Nicht GEPA, aber dafür mit frischer Minze. Man möchte doch nicht riskieren, dass der lose Tee oder aus dem Beutel von einem Kind gepflückt wurde.

Ich halte nicht viel von Klischees, aber es war so, wie ich es beschreibe. Da überrascht es auch nicht, dass der Professor nur der „Manfred“ war, sich alle duzen und die Sprecherin des Semesters mit einem dicken meterlangen (selbstgestrickten -nur so kann man sicher sein …) Schal, der fast ihren ganzen Körper einhüllte mit der entsprechenden Mütze in Orange ihn zur Bergrüßung erstmal umarmte und ihm kollegial auf die Schulter klopfte, bis er ein schmerzverzerrtes Gesicht hatte. Ja, hier ist die Welt noch in Ordnung.

Alles ist entspannt, niemand stellt Ansprüche und alles ist ethisch korrekt. Wen wundert es da noch, dass die Studenten in ihrem freien Geiste so frei waren, dass sie sogar ernsthaft vorschlagen, nur noch kleine Kinder an den Verhandlungstisch zu schicken?

Es geht doch um sie. Wieso einen Regierungschef oder entsprechende Gruppen einladen, die die Interessen der Kinder wahrnehmen? Nein, ein Junge, der gerade mit dem Verlust seiner ersten Milchzähne zu kämpfen hat, kann doch viel besser Entscheidungen treffen. Sonst sind doch sowieso alle infiltriert! Ach ja, und natürlich zählt das Abspülen des Geschirrs im elterlichen Haushalt auch schon zu dem Bereich Kinderarbeit. Wer hätte das gedacht? Hätte ich das eher gewusst, so hätte ich dieses Argument auch mal als kleines Kind anbringen können. Den Blick vieler Eltern hätte ich gern einmal gesehen …

Zu dem Zeitpunkt änderte sich das entspannte Kauen meines Kaugummis (man möchte sich schließlich assimilieren!) in ein Stakkato. War ich hier wirklich an einer Universität? Sollen diese Menschen später einmal die geistige „Elite“ werden? Das Wort „Elite“ gehört auch nicht zu meinem persönlichen Wortschatz, aber wo werden diese Menschen in einigen Jahren arbeiten? Zu dem Zeitpunkt löste sich das Kaugummi bereits in kleine Stückchen auf…

Es wäre alles noch irgendwie -wenn auch nicht leicht- vertretbar gewesen, wenn ich nicht irgendwann bei der freien Entfaltung meiner Gedanken den Blick einmal unter die Tischkante hätte wandern lasssen. Die Studenten, die sich in großen Lettern die Moral und Ethik auf die Flagge im Kampf gegen Ungleichheit und Kinderarbeit geschrieben hatten, sie trugen (selbstverständlich) wie jeder andere Mensch auch Schuhe. Nur diese Schuhe stammten von Herstellern, die ihre Produkte in Ländern dieser Welt produzieren lassen, in denen Kinderarbeit alltäglich ist.

Ethik hat demnach wohl auch Grenzen, oder sie wird nicht mehr gesehen, wenn die Gedanken so frei und idealistisch werden, dass die Füße in denen die Schuhe stecken, den Boden schon längst verlassen haben.

 

Frierpitter 23 Januar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 9:41

Eigentlich war geplant, heute einen neuen Text zu schreiben. Jedoch wusste ich da noch nicht, wie sich meine Finger später -also jetzt- anfühlen würden. Nein, die Moskaukälte ist vorbei, dafür springe ich von einer S-Bahn in die nächste U-Bahn, fahre mit dem Bus und laufe so viel durch Berlin, als hätte ich Meilenstiefel an. Berlin verleitet dazu, immer irgendwo zu sein. Nur nie zu Hause. Aber das macht auch nichts, denn bis Ende Februar will Berlin ja schließlich noch komplett entdeckt werden. Jetzt aber zu den Fingern, die sich anscheinend langsam wieder warm schreiben …  Immer wieder wenn ich durch Berlin laufe, begegnen mir Dinge, die ich gern irgendwie festhalten möchte. Die einfachste Lösung wäre da meine Digitalkamera. Oftmals ist es jedoch ein innerer Kampf zwischen der Entscheidung etwas zu fotografieren, oder doch die Hände in den Taschen zu lassen. Natürlich, auch heute war es mal wieder frisch, zusätzlich regnete es noch, aber nun hat die Digitalkamera doch wieder gewonnen. Da hat es sich nur gezeigt, dass kleine Kameras doch nicht immer so optimal sind, denn Handschuhe kann man nun wirklich nicht damit tragen. Stichwort: Grobmotoriker.

Wenn man jedoch die Handschuhe weglässt, so trifft man jede Taste prima, aber irgendwann nach der Rotphase kommt die Eisphase … an den Fingern. Und aus diesem Grund möchte ich an dieser Stelle nur auf die neuen Bilder bei flickr und Picasa verweisen. Meine Finger müssen nun erstmal ganz in Ruhe wieder auftauen. :-)

Ach so… nur für den Fall

 

icebound 6 Januar, 2008

Gespeichert unter: Berlin — fantasmagorique @ 8:32

Kalt, sehr kalt… Meine Beine sind taub, die Nase wird zu einem rötlichen Eiszapfen, und die Ohren ähneln Kroepoek, das genussvoll von zwei Händen zerbrochen werden kann. Prima. So habe ich es mir vorgestellt, aber nicht in meinen Träumen. Vielleicht bin ich nach Irland temperaturtechnisch auch ein wenig verwöhnt, aber Berlin ist so kalt, dass Worte wie frostig, frisch oder eisig nicht passten. Natürlich habe ich nicht erwartet, dass Berlin mich in schönstem Sonnenschein erwartet, aber trotzdem: Temperaturen wie in Moskau hatte ich bei meiner Kleidungsauswahl für den Koffer auch nicht im Hinterkopf.

Berlin ist mir keine unbekannte Stadt, aber zumeist war ich dann doch zu wärmeren Jahreszeiten hier. Verstanden habe ich es nie so ganz, dass sich aber die Fellmützen aus vergangenen Zeiten konstant gut verkaufen. Ich dachte immer, so viele Touristen kann es doch gar nicht geben, die mit so einer Kopfbedeckung freiwillig durch die Gegend streifen wollen. Ich habe mich geirrt. Diese Fellmützen sind kein Relikt der ehemaligen Sowjetunion, sie dienen einzig und allein dazu, die Menschen hier vor dem Erfrieren zu bewahren. Und im Sommer werden sie so zahlreich verkauft, weil genau dann, wenn man aus lauter Verzweiflung selbst vor solch einem modischen Fehltritt keinen Halt machte, sie bereits alle ausverkauft sind. Für die Tierschützer unter uns: ich meine selbstverständlich Kunstpelz. Mal abgesehen davon, dass ich keinen Pelz tragen wollte, denke ich auch nicht, dass man dies als Studentin könnte.

Zurück zur Kopfbedeckung. Es ist ja nicht so, dass es gerade eine Fellmütze sein müsste. Eine ganz normale -halbwegs ansehnliche- Wollmütze hätte es auch schon getan. Aber selbst in einer so großen Stadt wie Berlin ist das nicht so leicht, wie ich dachte. Entweder die Mütze ist so bunt, dass ich mir vollkommen deplatziert im doch recht grauen Berlin vorkomme, so als hätte ich den rheinischen Karneval mit seinem Rosenmontagsumzug schon in die S-Bahn in Richtung Alexanderplatz verlagert. Oder die Mütze sieht farblich dezent aus, man setzt sie freudestrahlend ob der bald warmen Ohren auf, und beim Absetzen kommt das böse Erwachen… dieses leise Knistern, ja es sind meine Haare. Acryl und längere Haare sind wahrlich keine guten Freunde, und man scheint für einen Moment doch sehr „geladen“ zu sein – im doppelten Wortsinne.

Folglich bin ich weiterhin ohne Kopfbedeckung, schaue mir im Zug auf der Fahrt nach Hause neidisch die ganzen Leute an -mit ihren kuscheligen oder dicken Mützen-, die nach warmen Ohren aussehen und hoffe, dass bald ein bisschen wärmere Luft aus dem Westen hierher kommt. Die Mützen-Dichte kann bereits jetzt schon kaum mehr ansteigen. Sie könnte sich nur noch auf 100% erhöhen, wenn eine nette, kleine und einsame Mütze meinen Weg kreuzen sollte.  Aber selbst dann rutsche ich auf glatten Sohlen wahrscheinlich an ihr vorbei, da die Bürgersteige hier einer nicht enden wollenden Eisbahn gleichen. Also, Spikes werden auch gesucht!