Weihnachtsstimmung kann nicht künstlich erzeugt werden. Weder durch blechern klingende Weihnachtsglocken vom Band, das alle zehn Minuten wieder am Anfang angekommen ist, und hinter einer im Boden festgeschraubten Edeltanne versteckt ist, noch durch acht kleine, dickbäuchige, mit den Hüften kreisenden Weihnachtsmännern aus Plasitk, die sich wie der Duracell-Hase im Kreis drehen und eine Trommel demolieren. Nein, das funktioniert nicht. Schon auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt in Dublin, der in den Docklands liegt -und mittels eines Stahlgerüstes auf dem Wasser „schwebt“-, fühlte ich mich mit jedem Schritt ein wenig unsicherer, ob ich richtig bin. Soll dies das „Winder Wonderland“ von Dublin sein, das jedem noch so bekannten Weihnachtsmarkt der Welt den Rang abläuft? Ich weiß nicht. Es lag nicht daran, dass es alles sehr klein dort war. Zumeist sind kleine Weihnachtsmärkte sowieso viel schöner. Auch hat es mich nicht gestört, dass am Eröffnungstag noch nicht viele Menschen dort waren. Was mich persönlich etwas überrascht hat, war das äußere Erscheinungsbild.
In den letzten Monaten habe ich an Irland -manchmal, wohlbemerkt- zu schätzen gelernt, dass nicht immer alles so streng und durchorganisiert sein muss. Damit möchte ich nicht sagen, dass es immer beruhigend ist, wenn sehr viele Dinge hier einfach sehr viel Zeit brauchen, bis etwas passiert. Aber diese Erfahrung führt auch dazu, dass man inzwischen selbst auch oft gelassener sein kann in vielerlei Hinsicht… Thema: Gelassenheit. Da hier alles etwas ruhiger und entspannter abläuft, so vermutet man auch, dass ein irischer Weihnachtsmarkt einen ähnlich lockeren Eindruck vermitteln könnte.
Aber weit gefehlt. Beim ersten Anblick des Weihnachtsmarktes war ich mir erst gar nicht mehr so sicher, ob ich mich die ganzen Monate nicht doch getäuscht haben könnte. Absperrzäune wie bei einem Konzert, Sicherheitskräfte, grüner Rollteppich in langen Bahnen, der den Weg vorgibt. Als exaktes Quadrat. Wo sonst Iren bei baulichen Dingen oft mehr als ein Auge zudrücken, schien mir diese Gestaltung geradezu perfekt. Zu perfekt für einen Weihnachtsmarkt, der Gemütlichkeit erst durch eine lockere Gestaltungsweise und leichte Unordnung erlangt. Oder die irischen Veranstalter dachten, dass diese Genauigkeit und geordnete Struktur einem Konitnentaleuropäer entgegenkommen könnte, wenn er angeblich so ordnungsliebend ist…
Bei meinem Gang über den Weihnachtsmarkt von rechts unten nach links unten im Quadrat kreuzte ich etwa auf halber Strecke einen Stand mit Rostbratwürstchen. Leider gab es ansonsten nicht viele Dinge zu probieren, wenn man gerade großen Hunger hat, und so habe ich mich dann doch dafür entschieden. Dass es sich bei der Dame, die mir wortlos und ohne eines Blickes die Bratwurst in die Hand drückte und dabei „Five Euro“ sagte, nur um eine Frau aus Deutschland handeln konnte, brauche ich sicherlich nicht zu erwähnen… Dass ich dann weder Appetit noch Lust hatte, ihr das Geld in die Hand zu drücken, verwundert auch nicht mehr weiter. Aber geschmeckt hat es dann doch irgendwie schon, auch wenn der Beigeschmack nicht sehr positiv war. Mir wurde nämlich schlagartig bewusst, dass ich in etwa einer Woche wieder vielen dieser unfreundlichen Menschen begegnen werde. Durch die Iren ist man doch schon etwas verwöhnt was Freundlichkeit anbetrifft. Aber ich weiß auch, dass es doch noch viele Ausnahmen von dieser Unfreundlichkeit gibt.



