Ich muss zugeben, dass ich mir bisher noch nicht viel Gedanken über Einkaufswagen gemacht habe. Die Größe mag variieren, manchmal ist er auch schneller voll als man denkt oder man ärgert sich schon mal, dass man unter 100 möglichen Einkaufswagen wieder genau jenen erwischt hat, an dem das Rad kaputt ist… aber so ganz allgemein? Ein Einkaufswagen sieht in der Regel immer gleich aus. Bei uns in Deutschland ist die Modellvielfalt sehr eingeschränkt, und so könnte dieser Wagen als Beispiel dienen:
Gestern jedoch, als ich selbst vom Einkaufen kam, und mit einigen Tüten beladen nach einem Großeinkauf den halben Ort durchqueren musste, kreuzte ich -um den Weg abzukürzen- den Parkplatz eines Supermarkts. Einsam und verlassen stand dort ein Einkaufswagen. Unter normalen Umständen wäre ich einfach weitergegangen, denn eigentlich lag mir mehr daran, die Tüten schnellstmöglich nach Hause zu tragen -die Schwerkraft war schon viel zu deutlich spürbar-, als mir irgendeinen Einkaufswagen anzuschauen. Aber dieser Wagen war doch irgendwie anders. (s.o.)
Zunächst kommt der Gedanke auf, dass dieser Supermarkt einfach nur kinderfreundlich sei. Aber auch in anderen Supermärkten ist diese Art von Einkaufswagen durchaus zumeist als Standard vorgesehen. Und das wahrscheinlich auch nicht ganz ohne Grund, wie man annehmen möchte.
Mein bisheriger Eindruck, dass -verglichen mit Deutschland- in Irland sehr viele Frauen schwanger sind bzw. man in der Stadt gefühlte 40 Kinderwagen pro Stunde sichtet, deckt sich mit den statistischen Daten zu der sog. „Fertilitätsrate“ bei Frauen. Für dieses Jahr liegt sie derzeit geschätzt bei knapp 1,9 Kindern pro Frau in Irland sowie gerade mal 1,4 Kindern pro Frau in Deutschland. Nur in Frankreich kommen derzeit mehr Kinder zur Welt. (Vgl. www.cia.gov ; World Factbook) Zwar ist bekannt, dass in konjunkturellen Hochphasen (in Irland liegt die Arbeitslosenquote nur bei rund 4% mit einem realen Wirtschaftswachstum von über 5%) die Neigung steigt, eine Familie zu gründen, aber dies reicht nicht als Begründung aus. Bei einem realen Wirtschaftswachstum in Deutschland von geschätzten 2,5% müssten demnach ja sonst auch bald doppelsitzige Einkaufswagen eingeführt werden, wovon eher nicht auszugehen ist …
Die „Doppelsitzer“ sind eigentlich eher damit zu begründen, dass in Irland neben einem absoluten Abtreibungsverbot auch ein noch eher traditionelles Familienbild existiert. Im Jahr 2002 sprach sich Ministerpräsident Ahern mit der katholischen Kirche für eine weitere Verschärfung des Abtreibungsrechts aus, das bei einer Abtreibung eine Gefängnisstrafe von bis zu 12 Jahren vorsah. Dieses Referendum ist jedoch -zum Glück- gescheitert. Es sind sogar Fälle bekannt, in der die irische Gesundheitsaufsicht (HSE) irischen Frauen die Ausreise in das benachbarte Großbritannien für eine Abtreibung untersagte bzw. die Polizei einschaltete, dies zu verhindern.
Auch wenn die Iren allgemein in jeglicher Hinsicht sehr locker und offen sind, die „Doppelsitzer“ haben jedoch einen ernsten Hintergrund mit einem, wie ich finde, negativen Beigeschmack.



