Wieder so ein heiβer Morgen. Die Luft verbreitete das Gefϋhl, nicht atmen zu können, und der Gedanke an das Deo, das in der Eile aufzutragen vergessen wurde, erhöhte die Schweiβproduktion drastisch. Dabei hätte der Effekt sowieso nur eine mentale Wirkung erzielt, da der Schweiβ vielleicht nicht zu riechen wäre, aber die Kleidung macht jede kleine Bewegung in Form groβer mäandrierender Wasserflecken sichtbar. Und das alles, bevor das Bϋro ϋberhaupt erreicht ist.
Dieser Gedanke wurde durch den Blick auf fest zugeschnϋrte Lederschuhe in dem typischen Beige unterbrochen. In den Schuhen eine alte Dame, die – so machte es den Anschein- noch nie Schwierigkeiten mit dem Schwitzen hatte. Ihre dϋnnen Beine wurden von dicken, in einem dunklen Beigeton gehaltenen, selbstverständlich blickdichten, Strϋmpfen umhϋllt, und der Gedanke an winterliche Stulpen drängte sich dem Betrachter auf, weil sie ebenfalls diese kleinen und gleichmäβigen Ringe aufwiesen. Plötzlich näherten sich die Beine in langsamen Schritten.
Eine Nonne schaute mich durch groβe Brillenglaeser, wie man sie hoechstens noch von chinesischen Arbeitern zu Zeiten Maos kennt, an. Mit groβen Augen, was sicherlich an der Glasdicke liegen musste, die auffallend lächelten. Ob ich wisse, wann denn die 19 komme, denn sie warte schon mehr als eine Stunde.
Eine Stunde! Der Gedanke an die dicken Strϋmpfe lieβ die Flecken auf meiner luftigen Bluse noch gröβer werden. Diese der Situation ergebene Geduld – in dieser Wärme – erzeugte zunächst eine gewisse Sprachlosigkeit. Doch ihr erwartungsfrohes Lächeln ermöglichte doch noch eine Antwort.
Auch ich wusste nicht, warum keine 19 komme. Sie durchschaute schnell, dass sich hinter der dem römischen Umfeld angepassten Optik doch keine Italienerin verbarg. Aber das störte sie nicht weiter. Statt dessen ϋberlegte sie, welche Sprache uns am besten neben dem Werkzeug Hand ein Gespräch ermöglichen könnte.
„Inglese? Scusa, no. Sprichst Du Spanisch?“ – „Nein, aber Französisch.“ – „Oh, herrlich! Ist ja fast Italienisch, nicht? Okay, dann mal los. Aber, ich muss noch sagen, das ist schon fast 30 Jahre bei mir her.“
Entsprechend klang es auch, und letztlich einigten wir uns auf Italienisch mit französischen und spanischen Einflϋssen, gepaart mit einer theaterhaften Gestik. Auf dem Weg zu einem Busfahrer, der gerade auf einer Bank saβ und in die Lektϋre des Sportteils vertieft war, blϋhte die alte Dame immer mehr auf, weil sie sich so freute, dass ihr Französisch ja fast noch so wie frϋher war, als sie junge Schwestern in Belgien ausgebildet hat.
Die tiefen Lachfalten froren jedoch ein, als sie dem Busfahrer tief in die Augen schaute und wissen wollte, was denn hier in Rom schon wieder los sei. Er meinte nur, ohne seine Augen auch nur einen Moment von den Fussballergebnissen abzuwenden, dass wir es ja wohl sehen, die Bahn fahre nicht. Dann sollen wir eben anders fahren. Gut.
Ihre Robe flatterte durch die schnellen Schritte auf den dϋnnen, dick bestrumpften Beinchen. „Dio, ich bin schon viel zu spät!“ Auf dem Weg zur Metro fragte sie, was denn jemanden aus Deutschland nach Rom verschlage. Es sei doch so schön dort! Vor allem „Munster“ und „Osnabruck – che bello!“ Sie sie eigentlich Kolumbianerin, und da wir nur unter uns seien (Gott hat in diesem Moment sicherlich auch weggehört), könne sie ja offen reden: „Die Italiener – also wirklich! Keine Ordnung, immer laut, und alles werfen sie auf den Boden! Weißt Du, wir Kolumbianer sind ja auch nicht gerade Vorbilder, aber Italiener sind doch Europäer! Ihr Deutschen mögt es doch auch immer blitzeblank!“
Die Metro erreichte ihr Ziel, und die gesuchte Bahn – die Straβenbetriebe hatten sie wieder umgeleitet – erreichte unser Blickfeld. „Très bien. Weißt Du, ich muss zur kolumbianischen Botschaft, um meinen Fϋhrerschein abzuholen. Aber ich hab dem Bischof schon gesagt, ich verspreche ihm nicht, dass ich in diesem Chaos hier auch fahre!… Und das ist es wieder! Soll ich Dir mal etwas verraten?“ – Noch ein Geheimnis, das Gott vielleicht nicht erfahren sollte.
„Allora…non alors, ich musste hier vorher zum Straβenverkehrsamt fϋr einen Test. Man sagte mir, dass sie meine Sehkraft ϋberprϋfen wollten und solche Sachen. Und weißt Du was?“, nun lehnte sie sich ganz nah zu mir rϋber, „Die haben mich nur kurz gefragt, ob ich Probleme mit dem Sehen habe. Wenn nicht, dann ist es okay. Nicht mal ein Test, ob ich ϋberhaupt noch was sehen kann! Dabei flunkern die Römer doch alle! Verstehst Du jetzt, warum die alle so verrϋckt fahren?“
Sie schaute mich an, lachte laut los, und drehte sich anschlieβend etwas verschämt zu einem jungen Mann um, der uns nur einen recht verständnislosen Blick zuwarf.
Am Ende stellte sich heraus, dass wir beide das gleiche Ziel hatten, die Via Mangili. Als wir uns verabschiedeten, meinte sie nur: „Ma fille, es war schön, Dich kennen gelernt zu haben. Nun geh mit Gott. Dio ti protegga.“ – Ich glaube, er war die ganze Zeit mit einem Lächeln im Gesicht dabei.



