fantasmagorique

- être dans la lune

Gott lächelt 11 September, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben, andere Kulturen — fantasmagorique @ 12:08

Wieder so ein heiβer Morgen. Die Luft verbreitete das Gefϋhl, nicht atmen zu können, und der Gedanke an das Deo, das in der Eile aufzutragen vergessen wurde, erhöhte die Schweiβproduktion drastisch. Dabei hätte der Effekt sowieso nur eine mentale Wirkung erzielt, da der Schweiβ vielleicht nicht zu riechen wäre, aber die Kleidung macht jede kleine Bewegung in Form groβer mäandrierender Wasserflecken sichtbar. Und das alles, bevor das Bϋro ϋberhaupt erreicht ist.

Dieser Gedanke wurde durch den Blick auf fest zugeschnϋrte Lederschuhe in dem typischen Beige unterbrochen. In den Schuhen eine alte Dame, die – so machte es den Anschein- noch nie Schwierigkeiten mit dem Schwitzen hatte. Ihre dϋnnen Beine wurden von dicken, in einem dunklen Beigeton gehaltenen, selbstverständlich blickdichten, Strϋmpfen umhϋllt, und der Gedanke an winterliche Stulpen drängte sich dem Betrachter auf, weil sie ebenfalls diese kleinen und gleichmäβigen Ringe aufwiesen. Plötzlich näherten sich die Beine in langsamen Schritten.

Eine Nonne schaute mich durch groβe Brillenglaeser, wie man sie hoechstens noch von chinesischen Arbeitern zu Zeiten Maos kennt, an. Mit groβen Augen, was sicherlich an der Glasdicke liegen musste, die auffallend lächelten. Ob ich wisse, wann denn die 19 komme, denn sie warte schon mehr als eine Stunde.

Eine Stunde! Der Gedanke an die dicken Strϋmpfe lieβ die Flecken auf meiner luftigen Bluse noch gröβer werden. Diese der Situation ergebene Geduld – in dieser Wärme – erzeugte zunächst eine gewisse Sprachlosigkeit. Doch ihr erwartungsfrohes Lächeln ermöglichte doch noch eine Antwort.   

Auch ich wusste nicht, warum keine 19 komme. Sie durchschaute schnell, dass sich hinter der dem römischen Umfeld angepassten Optik doch keine Italienerin verbarg. Aber das störte sie nicht weiter. Statt dessen ϋberlegte sie, welche Sprache uns am besten neben dem Werkzeug Hand ein Gespräch ermöglichen könnte.

„Inglese? Scusa, no. Sprichst Du Spanisch?“ – „Nein, aber Französisch.“ – „Oh, herrlich! Ist ja fast Italienisch, nicht? Okay, dann mal los. Aber, ich muss noch sagen, das ist schon fast 30 Jahre bei mir her.“

Entsprechend klang es auch, und letztlich einigten wir uns auf Italienisch mit französischen und spanischen Einflϋssen, gepaart mit einer theaterhaften Gestik. Auf dem Weg zu einem Busfahrer, der gerade auf einer Bank saβ und in die Lektϋre des Sportteils vertieft war, blϋhte die alte Dame immer mehr auf, weil sie sich so freute, dass ihr Französisch ja fast noch so wie frϋher war, als sie junge Schwestern in Belgien ausgebildet hat.

Die tiefen Lachfalten froren jedoch ein, als sie dem Busfahrer tief in die Augen schaute und wissen wollte, was denn hier in Rom schon wieder los sei. Er meinte nur, ohne seine Augen auch nur einen Moment von den Fussballergebnissen abzuwenden, dass wir es ja wohl sehen, die Bahn fahre nicht. Dann sollen wir eben anders fahren. Gut.

Ihre Robe flatterte durch die schnellen Schritte auf den dϋnnen, dick bestrumpften Beinchen. „Dio, ich bin schon viel zu spät!“ Auf dem Weg zur Metro fragte sie, was denn jemanden aus Deutschland nach Rom verschlage. Es sei doch so schön dort! Vor allem „Munster“ und „Osnabruck – che bello!“ Sie sie eigentlich Kolumbianerin, und da wir nur unter uns seien (Gott hat in diesem Moment sicherlich auch weggehört), könne sie ja offen reden: „Die Italiener – also wirklich! Keine Ordnung, immer laut, und alles werfen sie auf den Boden! Weißt Du, wir Kolumbianer sind ja auch nicht gerade Vorbilder, aber Italiener sind doch Europäer! Ihr Deutschen mögt es doch auch immer blitzeblank!“

Die Metro erreichte ihr Ziel, und die gesuchte Bahn – die Straβenbetriebe hatten sie wieder umgeleitet – erreichte unser Blickfeld. „Très bien. Weißt Du, ich muss zur kolumbianischen Botschaft, um meinen Fϋhrerschein abzuholen. Aber ich hab dem Bischof schon gesagt, ich verspreche ihm nicht, dass ich in diesem Chaos hier auch fahre!… Und das ist es wieder! Soll ich Dir mal etwas verraten?“ – Noch ein Geheimnis, das Gott vielleicht nicht erfahren sollte.

„Allora…non alors, ich musste hier vorher zum Straβenverkehrsamt fϋr einen Test. Man sagte mir, dass sie meine Sehkraft ϋberprϋfen wollten und solche Sachen. Und weißt Du was?“, nun lehnte sie sich ganz nah zu mir rϋber, „Die haben mich nur kurz gefragt, ob ich Probleme mit dem Sehen habe. Wenn nicht, dann ist es okay. Nicht mal ein Test, ob ich ϋberhaupt noch was sehen kann! Dabei flunkern die Römer doch alle! Verstehst Du jetzt, warum die alle so verrϋckt fahren?“

Sie schaute mich an, lachte laut los, und drehte sich anschlieβend etwas verschämt zu einem jungen Mann um, der uns nur einen recht verständnislosen Blick zuwarf. 

Am Ende stellte sich heraus, dass wir beide das gleiche Ziel hatten, die Via Mangili. Als wir uns verabschiedeten, meinte sie nur: „Ma fille, es war schön, Dich kennen gelernt zu haben. Nun geh mit Gott. Dio ti protegga.“ – Ich glaube, er war die ganze Zeit mit einem Lächeln im Gesicht dabei.

 

Sommerlicher Adventskalender 4 August, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben, andere Kulturen — fantasmagorique @ 7:35

Der August ist in Rom wie auch in anderen Teilen Italiens kein ganz normaler Monat – und das liegt nicht nur ander Hitze. Ein richtiger Italiener dreht in dieser Zeit seiner Stadt den Rücken zu. Was bleibt, ist die Hitze und verschlossene Geschäfte. Straßenzüge sehen aus wie nach abgeschlossenen Vorbereitungen zu einem G8-Treffen, als erwarteten die Besitzer einen Ansturm von gewaltbereiten Gegendemonstranten.

Rollläden und heruntergelassene Gitter überall. Nur selten streift der alte Mann aus dem Nachbarhaus mit der leicht schief sitzenden Hornbrille mit seinem alten – ebenfalls von Arthrose geplagten – und treuen Gefährten zu der letzten noch geöffneten Bar für einen kleinen Caffè durch das Prati-Viertel. Der Hund an seiner Seite wirkt nun seit einigen Tagen noch behäbiger und stets gut gefüllt mit süßen Biscotti.

Gegen 08.30 Uhr umweht ein warmer und sehr trockener Windhauch um die Nasenspitze. Der Gedanke, noch vor dem ersten Caffè Sonnencreme aufzutragen, wird recht schnell wieder verworfen. Auch hier übt der Stolz so vieler Italieners langsam einen gewissen Einfluss aus.

Es geht wie jeden Morgen ins Büro. Bereits vor einigen Wochen zeichnete sich in Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr eine merkliche Veränderung ab. Die wirklichen Ausmaße wurden jedoch erst mit dem 1. August schlagartig deutlich. Die Bahn, die zuvor in weniger als 20 Minuten fast direkt bis vor die Bürotür fuhr, fährt einfach nicht mehr. Die Gleise müssen erneuert werden. Gut, ein Blick auf die Straße ruft uneingeschränktes Verständnis hervor.

Interessant ist jedoch eine andere Sache: die Gleise werden nicht Stück für Stück in eine Fahrtrichtung ersetzt. Derzeit gibt es rund 10 Stellen, an denen mehr oder weniger fleißig gearbeitet wird. Da die Römer alle die Stadt verlassen haben, kann sich ja auch niemand mehr beschweren.

Denkt denn niemand an die junge Frau, die im Namen der Völkerverständigung jeden Tag ihren Weg ins Büro antritt?

Zunächst einmal muss das Prinzip verstanden werden. Es ist zwingend, jede Haltestelle nach einem kleinen und handbeschriebenen Hinweis zu untersuchen. Der Hinweis der römischen Verkehrsbetriebe ATAC teilt schließlich mit, dass die Bahn nicht mehr fahre. Immerhin haben sie es wohl auch schon feststellen können. Man müsse sich zur Piazza Flaminio begeben, und von dort die Straßenbahn nehmen. Dort angekommen (mit der Metro, das muss man vorher erst einmal selbst herausfinden), steht die Bahn in der Tat bereit zur Aufahrt.

All das hat auch einige Tage gut funktioniert. Doch an einem Morgen gab es plötzlich auch dort keine Gleise mehr. Und selbst der Kioskbesitzer direkt neben der Haltestelle wirkte sehr ratlos und zuckte nur mit den Schultern. Was bleibt, ist die Suche nach dem kleinen Hinweisschild auf einem doch recht großen Platz. Das Auffinden dieses Schnipsels erzeugt ähnliche Glücksgefühle, wie das Öffnen des Adventskalendertörchens kurz vor Weihnachten. Die Spannung steigt -  in diesem Fall allerdings nicht nur im positiven Sinne.

Auch das Gefühl, man kenne doch schon den Inhalt des nächsten Törchens… es wird spätestens am nächsten Morgen wieder außer Kraft gesetzt. Die Schokolade ist plötzlich weiß, und auch der Weg zur Arbeit ist schon wieder ein ganz anderer.

Inzwischen hat ATAC es geschafft, dass ich bei jeder Fahrt 5x umsteigen muss, und Teilstrecken zu Fuß laufe, weil gar kein Ersatzverkehr vorgesehen ist. Die neue Fahrzeit beträgt (vorläufig) rund 1,5 Stunden für eine Strecke.

Ein Gedanke bereitet doch gewisses Unbehagen: Wann kommt das letzte Törchen des Kalenders mit der ganz großen Überraschung?

Einen Vorgeschmack gab es bereits heute. In einem Bus fragte eine Frau den schon recht alten Mann, der neben ihr an der Tür stand: „Entschuldigen Sie, aber fährt dieser Bus zur Piazza Flaminio?“ – „Hoffen wir’s.“

 

Was ist ein Held ohne Menschenliebe. 29 Juni, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben — fantasmagorique @ 5:31

Sanft streichelte sie ihm noch einmal durch das bereits grau melierte Haar. Er lächelte verschmitzt und hielt sie an ihrem Arm fest, als sie sich gerade umdrehen und gehen wolle. Dann schaute er sie an, kippte den Kopf auf die Seite und hielt ihn ihr praktisch vor das Gesicht. Also streichelte sie ihm erneut über den Kopf, und er drückte sich wie ein Kind ganz fest an sie. Erst danach war er bereit, sich von seiner Schwester zu verabschieden.

Vorbei an der stets gut duftenden Cornetteria, über mehrere zu hohe Bürgersteige hinweg -bei der sich selbst so manche Taube auf der Suche nach einem Brotkrümel überschlagen hat- bis zur Haltestelle Ottaviano. Morgens gegen 08.35 Uhr ist es dort immer besonders voll, weil kein Römer gerne früh aufsteht und sich statt dessen lieber in überfüllte Busse quetscht.

So auch dieser grau melierte Römer. Er stand ganz normal wartend an der Bushaltestelle. Doch plötzlich erreichte sein Auge etwas, das ihn nicht mehr loslassen wollt. Eine junge Frau, mit sehr unrömisch blondierten Haaren, in einer weißen Stoffhose und ansonsten auch recht tiefdekolletiert. Er war begeistert. Und was macht man als -relativ- junger Mann schließlich? Das Objekt der Begierde ganz genau in Augenschein nehme.

Ganz langsam näherte er sich von hinten an, beugte den Kopf herunter und stoppte genau vor ihrem Po. Er war von dem Anblick faziniert und lächelte voller Glück. Einige Passanten lächelten mit. Als die Frau mit ihrem rechten Fuß zu einem Lied, das aus ihrem iPod erklang, rhythmisch den Takt angab, beobachtete er es zunächst. Doch dann stellte er sich hinter sie und übertrug ihre Bewegungen gänzlich auf sich. Binnen weniger Sekunden ergaben sie ein einheitliches Bild. Auch wenn die Frau von all dem nichts bemerkte. Doch leider kam der Bus um die Ecke gefahren, und  er -nennen wir ihn mal Signore Bigio- musste los.

Zwei Wochen lang haben sich die Wege nicht mehr gekreuzt, doch am letzten Donnerstag kam es zu einem Wiedersehen mit Signore Bigio. Ganz unbemerkt war er plötzlich da. Er stand neben mir und lächelte. Signore Bigio lächelte, weil er bemerkte, dass wir „zufälligerweise“ wie ein Zwillingspaar an der Haltestelle standen – beide mit verschränkten Armen wie kleine Soldaten nebeneinander. Ihn macht es aber anscheinend nicht nur großen Spaß sondern auch ziemlich glücklich zugleich.

Plötzlich verschwand sein Lächeln, der 490er Bus kam wieder um die Ecke gebogen. Er lief sofort zur Bahnsteigkante und zückte den Arm. Signore Bigio winkte aufgeregt dem Busfahrer zu, damit dieser auch ja nicht ohne ihn losführe – auch wenn durchschnittlich immer noch 40 andere Leute diesen Bus nehmen. Wie auch beim letzten Mal stieg er wieder ganz vorn ein. Gerade als der Busfahrer die Tür schließen wollte, kam eine kleine, sehr alte Dame angehumpelt. Signore Bigio klopfte sofort voller Aufregung an die Scheibe des Busfahrers, winkte und schien zu allem bereit, damit dieser auf keinen Fall ohne die alte Dame abfahren würde.

Sie lächelte freundlich als sie einstieg, und er verbeugte sich, währenddessen er seinen imaginären Zylinder zückte. Dann wurde seine Miene wieder ernst. Er drehte sich zu dem Busfahrer um, reckte den Arm spitz nach vorn, wie bei einer nahenden Schlacht für den Angriff, und gab dem Fahrer das Zeichen, dass er nun losfahren könne.

Ein Held ohne Menschenliebe ist kein Held. Doch dieser Signore Bigio ist ein kleiner Held, weil er sichtbar die Menschen mag. Auch wenn viele Leute es ihm nicht sofort zutrauen würden, nur weil ihm ein Chromosom fehlt.

 

Lebende Uhren 5 Juni, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben, andere Kulturen — fantasmagorique @ 11:04

Es fing alles mit der Eitelkeit an.  Vor rund drei Wochen mit dem Verlassen des Flugzeugs wurde die Armbanduhr vom Handgelenk hinein in die Tasche verbannt. Vorbei sind die Zeiten, da man in der Schule stolz untereinander verglichen hat, wer das „weißeste“ Mal unter der Uhr trägt. Das Mal, das davon zeugt, dass der Urlaub zwar vorbei ist, aber die Reise schön war, und man auch eine entsprechende Bräune mit im Gepäck hat.

Heute als Erwachsener bevorzugt ich doch eher die nahtlose Bräune – glücklicherweise. Welch Schauspiel, wenn der Besuch nach der Ankunft in Rom mit unsicherem Blick die Uhr entfernt, in der Furcht, dass der Arm rund um den Chronographen farblich nicht konkurrieren kann, weil die Sonne Deutschland gemieden hat.

Mit Beginn der Arbeit im Büro kam die Uhr jedoch wieder an das Handgelenk. Jedoch nur für einen Tag. Dann versagte die Batterie, und mir fiel auch ein, an was ich bei den Reisevorbereitungen nicht gedacht hatte. In Anbetracht des Koffergewichts wurde auf eine Ersatzuhr verzichtet. Leichte Panik breitete sich aus, denn einige Menschen – zu denen ich auch gehöre – können das Haus nicht ohne eine funktionstüchtige Uhr verlassen. Diese Menschen lässt der Gedanke erschaudern, zukünftig und vielleicht auch zeitgemäß auf das Handy zu schauen.

Doch, was ist passiert? Das Handy wird weiterhin nur aus der Tasche genommen wenn es klingelt, aber die Uhr fehlt dennoch nicht am Handgelenk. Das Gefühl der Nacktheit stellte sich nicht ein. Da die Frage nach dem „Woran liegt’s?“ immer häufiger gestellt wird, soll ihr nun hier auch auf den Grund gegangen werden.

Mal abgesehen vom Blick auf den immer viel zu früh eingestellten Wecker stellt sich während des ganzen Tages kein Bedürfnis ein, die Uhrzeit zu kennen. Im Büro folgt alles nach einem festen Ablauf, und spätestens um 13 Uhr meldet sich der Pranzo-Kollege zu Wort und läutet mit dem Aufsetzen der Matrix-Sonnenbrille den Beginn der Mittagspause ein. Da die Einhaltung von Outlookterminen nicht sonderlich genau genommen wird, liegt man zeitlich nie falsch, wenn man eine Aufgabe erst einmal beendet, bevor es zu einem Gespräch geht. Dass es Zeit für den Feierabend ist, merkt man an den schweigenden Telefonen und Handys, die sonst synchron im Minutentakt energisch erklingen.

Den Bus kann man nicht verpassen, weil er sowieso nicht kommt. Man hat Zeit in Rom. Gerade so als wollten die Römer es auch jedem neuen Einwohner als Hinweis mit auf den Weg geben: die Uhren an öffentlichen Gebäuden funktionieren auch nicht. Manchmal kommt das Gefühl auf, die Armbanduhr neigte nur zur schnellen Anpassung an die Umgebung.

Angekommen zu Hause, bei einer kleinen Pause auf dem Balkon weiß ich sofort, wenn das Kochen nicht länger warten sollte. Pünktlich um 20 Uhr nimmt eine Horde von mindestens 500 Spatzen die Bäume unterhalb meines Balkons ein. Sie zwitschern so laut, wie man es sonst nur von den Italienern selbst kennt. Später nach dem Essen, nun mit einem Tee auf dem Balkon sitzend, sieht man im Haus gegenüber einen Nonno auf seinem kleinen Balkon mit neuen Klimageräten kämpfen. Die Nonna steht daneben und schimpft, weil er zu langsam ist. Denn, pünktlich um 20.30 bzw. 20.45 Uhr – je nach Sender – beginnt eine der täglichen Spielshows bei den Haussendern von Silvio.

Hupen, es ist 21.30 Uhr. Die letzten entnervten Römer kommen aus den Büros und wollen so schnell es geht nach Hause. Knatternde Vespas kündigen verspätete Herren um die 50 im Maßanzug mit ihrem Klapphandy am Ohr unter den modischen Motorradhelmen an.

Wenn es noch einmal laut wird, dann wird es Zeit, sich langsam auf den Weg ins Bett zu machen. Es ist 23.00 Uhr, und die Stadtreinigung kehrt die Gehwege. Ein lautes Quietschen erinnert mich um 23.30 Uhr daran, dass ich jetzt wirklich ins Bett gehen sollte. Die Leute von der Müllabfuhr sind da, pünktlich wie die Feuerwehr, aber sie ist erst für 01.00 Uhr vorgesehen auf meiner Uhr.

 

Ulrich Wickert für Fortgeschrittene 23 Mai, 2009

Gespeichert unter: Italien, andere Kulturen — fantasmagorique @ 6:36

Der Fernsehbericht von Ulrich Wickert als Auslandskorrespondet in Paris aus dem Jahr 1995, in dem er anschaulich erklärt, wie man am besten den Place de la Concorde mit seinen sieben Fahrspuren überquert, hat über die Jahre einen besonderen Platz in dem Archiv der ARD eingenommen. In den meisten Reportagen über Ulrich Wickert wird auch ein Ausschnitt des Berichts gezeigt. Über die Jahre wurde der Gang über den Place de la Concorde sogar vielfach kopiert:

Wie aber auch in diesem Video zu sehen ist, eine wirklich Herausforderung ist es eigentlich nicht. Das Einatmen der ganzen Autoabgase der 90er-Jahre -damals noch ohne Rußfilter- schien da letztlich gefährlicher für den Probanden zu sein.

Wer jedoch nun sagt, das schaffe ich mit links, dem sei der Hinweis gegeben, er möge sich doch statt Paris besser Rom für eine Reise mit entsprechenden Ambitionen aussuchen.

Denn gemessen an den noch zaghaften Parisern ist der klassische Römer hinter dem Steuer eines Atac-Busses (der Name gibt schon Hinweise), einer alten Vespa oder eines von anderen mutigen Fahrern gezeichneten Autos ein ganz anderes Kaliber. Damit sind verbeulte, zerkratzte oder sogar noch sehr neue Pkw mit abgebrochener Stoßstange gemeint.

Auch wenn die Straßen nicht mit sieben Spuren ausgestatt sind, kann der gefühlte Weg durchaus länger sein. Möchte der Tourist oder Zugereiste nur mal eben die Straße überqueren, so beginnt ein Abenteuer der besonderen Art. Auch wenn er noch nicht zu sehen ist, der mittelalte, rundliche und großflächig bebrillte Italiener. Der Römer mit dem halb aufgeknöpften Hemd, das dem dichten und von der Hitze verschwitzten Brusthaar die Möglichkeit gibt im Fahrtwind zu trocknen, kündigt sich an.

In der Regel ist es ein Hupen, zwischenzeitlich gepaart mit einem lauten Schimpfen, welches die Touristen erstarren lässt. Der Amerikaner nimmt erfurchtsvoll die edle Sonnenbrille von der Nase und zieht den Sportschuh mit der besonders dicken Sohle vorsichtig von dem ersten Teilstück des Zebrastreifens zurück. Auch die asiatischen Touristen schauen verschämt über den die Stirn kühlenden Fächer hinweg und zucken zusammen. Nein, wer da im wahrsten Sinne des Wortes so angebrettert kommt, den sollte man lieber fahren lassen. Sei es drum, dass man als Fußgänger beim Überqueren des Zebrastreifens Vorrang hat.

Die Kleingruppen bleiben sodann wie angewurzelt stehen. Was aber passiert? Ein Hupkonzert beginnt, der Busfahrer zieht mit der Express-Linie haarscharf am Fuß der jungen Japanerin in den Sandalen vorbei. Zunächst kommt der Gedanke der Rücksichtslosigkeit auf, doch im Gespräch mit einer italienischen Arbeitskollegin wendet sich der Blick eher in Richtung konsequentes Zeitmanagement.

„We are busy, busy and busy. You know?“, sagt sie mit ihrem charmant ausgeprägten Akzent.

Also noch einmal von vorn. Wer es eilig hat, sollte niemals beim Überqueren der Straße anhalten. Für den Zugereisten heißt es, nicht gucken, einfach gehen. Es wird nichts passieren, es sei denn, der Lauffluss wird unterbrochen. Ein Römer auf 2-4 Rädern rechnet damit nicht. Er fährt immer weiter, notfalls umfährt er den Fußgänger. Er fährt ihn jedoch niemals um.

Deshalb locker und lächelnd die Straße überqueren und niemals vergessen, sich die Sonnenbrille zuvor elegant ins Haar stecken. Wenngleich sich bei diesem Anblick die weitgereiste Touristin schockiert die Hand vor den Mund hält, und mit aufgerissenen Augen das Geschehen beobachtet… Nachdem man die Straße entspannt passiert hat, ist im Hintergrund wieder das nicht endende Geräusch zu hören, welches eine schwere Hand auf der Hupe eines fluchenden Römers vermuten lässt. Ein Tourist steht wieder verzweifelt auf dem Zebrastreifen.

 

Spirito d’avventura ? 16 Mai, 2009

Gespeichert unter: Italien, Leben — fantasmagorique @ 10:39

In gut 24 Stunden geht es wieder los. Ich habe ein déjà-vu bei dem Blick in Richtung Bett. Dort steht wieder die prallgefüllte Tasche bereit für die Reise. Auf ihr eine kleine Fliege, mit der stillen Hoffnung auf eine heimliche Reise mit in den Süden. Sie muss allerdings hierbleiben. Meine Tasche wiegt sowieso schon wieder mehr als sie wiegen dürfte.

Den Zeitpunkt der Abreise habe ich bislang erfolgreich nach hinten verdrängen können. Da die letzten Tage allerdings sehr ereignisreich waren, blieb gar nicht mehr viel Zeit für andere Dinge. Die innere Liste des „was ich noch machen möchte“ konnte nicht ansatzweise abgearbeitet werden. Statt dessen versuche ich seit Donnerstag täglich rund 30 Römer anzuschreiben über easystanza mit dem Wunsch, doch noch ein kleines Zimmer in der großen Stadt für die nächsten vier Monate zu finden.

Auf jeden Fall war es schon mal ein guter Einstieg in die italienische Mentalität. Alles hat sehr viel Zeit, d.h. ein Wohnungsangebot vom Arbeitgeber aus Italien bzw. Zimmer nur mit einem Bett, Schrank und Spüle für 1.300€ bei 3,5 Monaten Suche. Danach kochende Emotionen, schweigen sowie anschließendem Beilegen des Kriegsbeils. Was ist dabei herausgekommen? Man versteht sich wieder gut, aber ich suche immer noch alleine nach einer Wohnung.

Immerhin stehen für Montag zwei Besichtigungen in Mini-WGs an. Vielleicht ist doch etwas dabei, und die ganzen Gedanken und Sorgen der letzten Tage waren umsonst.

Reiselust ja, Abenteuerlust … nein. Es werden mit Sicherheit auch so sehr ungewöhnliche Wochen und Monate in Rom.

Es geht also wieder mal in ein Land mit „I“, aber dieses Mal weit in den Süden und wesentlich wärmer als Irland im Winter. Was die Wohnungssuche, die Arbeit mit impulsiven Italienerinnen sowie das temporäre Leben in dieser oft besprochenen Stadt macht- ich werde berichten!

 

Palästinensische Pyramiden 17 März, 2009

Gespeichert unter: Leben — fantasmagorique @ 10:51

Auch heute haben die Redakteure von tagesschau.de mal wieder gezeigt, dass niemand perfekt sein kann und sollte.

Heute früh lautete der Titel eines Kurzbeitrages auf der Startseite „Weltkultur von oben – Ausstellung zeigt Satellitenbilder“, der, gepaart mit sehr schönen Bildern, die Notwendigkeit einer Reise nach Paris praktisch zwingend erforderlich machte. Die Verantwortlichen der Ausstellung, die UNESCO und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, haben sich zwar nur auf 30 Motive beschränkt, jedoch dabei eine sehr ansprechende Auswahl getroffen, die die Einzigartigkeit aber auch Verletzbarkeit unserer Erde zeigt.

Gleich mit der ersten Frage sorgte die Lektüre jedoch für Verwunderung bei dem Leser.

„Wie sehen eigentlich die Pyramiden von Gaza aus der Luft betrachtet aus? „

Gute Frage. Das wären dann in der Tat ganz neue und bislnag noch nie gesehene Bilder von der Erde sowie aus dem Gazastreifen. Für einen kurzen Augenblick steigt dieses leise Gefühl der Unsicherheit in der Bauchgegend hoch…und nein, das kann wirklich nicht sein.

Bevor es möglich war, diesen kleinen Textausschnitt optisch für die Nachwelt festzuhalten, zeigte sich nach einer Aktualisierung der Ansicht, dass es wohl noch andere ausgeschlafene Menschen am frühen Morgen geben muss. Sie sorgten umgehend dafür, dass die Pyramiden schnellstens wieder nach Gizeh gebracht wurden.

Schade eigentlich.

 

Ausverkauf des Glücks 6 März, 2009

Gespeichert unter: Krise, Leben — fantasmagorique @ 12:03

Jeder Mensch erlebt diese Tage, die keinen Weg in das Langzeitgedächtnis finden sollten. Gerade hat man das Büro verlassen, so prasselt der Regen auf das Haupt, der allgemein unter dem Begriff „besonders nass“ in den Sprachgebrauch eingegangen ist.

Endlich an einem der vier Umstiegspunkten für den Weg nach Hause angekommen, die Straßenbahn sogar noch kurz vor der Abfahrt erreicht, beginnt eine teils typische und anderseits doch wieder besondere Fahrt durch eine Stadt, die oftmals als Synonym für das Ruhrgebiet in den Medien benutzt wird.

Vor der Lektüre ist stets ein genauer Blick auf den Sitzplatz zu wagen. Ein Kronkorken wird sodann auf die Seite gelegt. Während des ersten Artikels drängt sich der Gedanke auf, die den Leser umgebenden Geräusche durch den geübten Querflug durch den Coverflow zu ersticken.

Eine Mutter mit zu kurzer Jacke und zu blonden Haaren zerrt laut brüllend an ihrem Kind. Es soll doch endlich leise sein.

Ein von der Sonne für jeden Geldbeutel stark gebräunter junger Mann zieht -während er den Leser mit glasigen Augen anstarrt- die Nase hoch – wieder ganz im Rausch.

Die Zeitung wird wie ein Schild vor das Gesicht geschoben und verschafft doch keine Ablenkung. Die Bahn hält. Ein Auto ist mit der vorherigen Straßenbahn zusammengestoßen und blockiert auf unbestimmte Zeit die Trasse.

Es schließt sich nun ein Weg von rund fünf Haltestellen durch die von den Politikern dieser Republik aufgegebenen Stadt an. Ernüchternd ist die Tatsache, dass die Krise nicht in diesem Fall als Übel allen Leids herangezogen werden kann.

Die Fenster unter königsblauen Flaggen muten im Vorbeischreiten ganz und gar nicht königlich an. Sie sind geschwärzt, wie auch die Fenster. Umgeben von Seidenblumen und goldenen Porzellankätzchen mit einem verzweifelt vergnügten Gesichtsausdruck passiert man ein weiteres Schaufenster, das der Räumungsverkauf wie so viele Geschäfte ebenfalls nicht verschont hat.

Weit und breit Dunkelheit. Der Weg führt vorbei an einem Haus, das architektonisch an die Zeiten eines späten Aufbäumens der 68er erinnert. Unten eines der wenigen verbliebenen Geschäfte. Dort ist in großen Lettern wie bei einem Waschsalon Folgendes zu lesen: „17 Jahre keine Kohle?“ Der erste Gedanke führt sofort zu der „Atomkraft?Nein, Danke!“-Generation, und der Abschied von der Steinkohle im Revier.

Doch dann eröffnet sich dem Betrachter noch ein kleines und unscheinbares Zeichen, das leicht überlesen wird. So ergibt sich plötzlich ein ganz neuer Sinn:“17 Jahre + keine Kohle?“ Es ist eine Fahrschule, die aus der Not eine Tugend macht.

Banken gehen Pleite oder werden verstaatlicht, und so erhält ein junger Mensch, der auch nicht von seinen Eltern finanziell unterstützt werden kann, aufgrund mangelnder Bonität auch keinen Kredit. Da trifft es sich gut, wenn die Fahrschule von nebenan ein Finazierungspaket auf den Tisch legt. Wer hätte das gedacht? Fahrschulen als die Investoren der Zukunft.

Ein Modell, das in der Stadt wo jeder Fünfte arbeitslos ist, durchaus nachvollziehbar erscheint. Doch stellt sich zugleich die Frage, was der junge Mensch mit seinen 17 Jahren ohne Einkommen mit einem Führerschein macht, wenn er sogleich Schulden produziert hat und der Erwerb eines Autos trotz Abwrackprämie erst einmal in weite Ferne rückt?

Diesem Gedanken nachhängend verlässt man die Stadt in einer der zu dieser Uhrzeit selten verkehrenden S-Bahnen. Mit im Abteil zwei ältere Männer, die aus unbestimmten Gründen übereinander herfallen und sich beschimpfen. Ein Mann unterstellt dem anderen, dass er ihn doch nur angreife, weil er sich bei der Arbeit gelangweilt habe. Wenn er denn Arbeit hätte.

An der Endstation angekommen, im Regen wieder den Bahnsteig wechselnd, trifft sich der Blick mit einem sehr alten Mann. Er muss schon weit über 80 sein, verdeckt sein weißes geschwungenes Haar mit einer Baskenmütze und trägt unter einem ebenfalls nicht sehr neuen Trenchcoat eine karierte Weste. Er lächelt, obwohl er bei jedem Schritt die er die ausgetretenen Treppenstufen emporsteigt Schmerzen haben muss. Wie ein alter Franzose sieht er aus. In jedem Kinofilm würde der Regisseur ihm nun noch eine Stange Baguette unter die dünnen Arme stecken. In diesem Fall trägt er aber dezent versteckt die immer donnerstags erscheinende Wochenzeitung und ein französisches Magazin fest an seinen Oberkörper gedrückt. Vielleicht doch ein Moment, den das Gedächtnis gut aufbewahren sollte.

 

Der Blick in die Glaskugel 26 Februar, 2009

Gespeichert unter: Krise — fantasmagorique @ 12:36

Wozu gibt es Journalisten? Der Deutsche Journalisten-Verband gibt uns darauf eine einfache Antwort: „[...]der Journalist ist an der Verbreitung von Meinungen, Informationen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt.“

Das klingt zunächst einmal plausibel. Problematisch jedoch wird es, wenn der Leser sich auf die ihm präsentierten – und letztlich auch selektieren – Informationen verlassen muss, weil er nun einmal nicht  immer überall am Ort des Geschehens sein kann.

So geschah es, dass US-Notenbankchef Ben Bernanke gestern den Halbjahresbericht der Öffentlichkeit präsentiert hat. Um der Frage auf den Grund zu gehen, wie sich die wirtschaftliche Lage aus Sicht der FED in den nächsten Monaten entwickeln könnte, schaut man sich in diversen Onlinemedien um.

Ganz klassisch beginnt man mit dem Internetangebot der Tagesschau. Robert Kiendl vom HR-Hörfunkstudio Washington lässt seine Leser wissen, dass die Hoffnung in der jetzigen Situation sehr gering sei, auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu hoffen. Ben Bernanke teilte der breiten Öffentlichkeit mit, man könne von einem harten Jahr 2009 ausgehen. Eine Besserung für das Jahr 2010 sei nur in Sicht, wenn alle angestrebten Konjunkturmaßnahmen greifen. Wenn. Um es auf den Punkt  zu bringen: „Das Schlimmste kommt noch“, wie Herr Kiendl konstatieren muss.

Nach der Lektüre dieses Artikel sackt der Leser in sich zusammen und begräbt das kleine Pflänzchen Hoffnung, das hier in Deutschland derzeit noch existiert. Die Krise greift um sich, und letztlich wird sie nicht aufzuhalten sein.

Denkt man.

Wer gestern den Artikel von Josef Joffe auf zeit.de gelesen hat, wird eines Besseren belehrt. Krise? Rezessionsängste?

Nein, die „US-Notenbank verbreitet Optimismus“! Wer hätte das gedacht? Nur kurz zuvor bildeten sich vor dem inneren Auge die schwarzen Wolken der Konjunkturkrise, und schon muntert Herr Joffe den Leser wieder auf.

Die Kernaussage beider Artikel ist bei genauer Betrachtung dieselbe, nämlich das Krisenende naht, wenn die Konjunturpakete greifen. Wie schön, wenn der Leser die Zeit findet, die Artikel ganz zu lesen. Was aber passiert, wenn die Zeit nur für das Überfliegen des Titels reicht? Was bleibt dann im Kopf des Lesers hängen?

Ist es der Optimismus oder ist es doch eher die Krise? Wie viele Menschen haben vielleicht gestern nur den Krisenbeitrag auf tagesschau.de gelesen? Und wie viele Menschen sehen auf der anderen Seite schon wieder einen nahenden Aufschwung?

Es bleibt festzuhalten, dass jeder Journalist sich ebenso mit Bedacht Gedanken über den Titel seines Artikels wie auch den Inhalt machen muss. Die subjektive Einschätzung der Lage ist ebenfalls immer Teil der Berichterstattung. Doch ist sie auch Machtinstrument und zugleich Quelle möglicher Missverständnisse. Gerade wenn der Titel nur wenige Worte umfassen darf, muss überlegt werden, welche Wirkung bei dem Leser erzielt werden soll.

Und in der jetzigen Situation, in der weder Ökonomen, Politiker noch Mitglieder renommierter Thinktanks eine zuverlässige Aussage über die Zukunft treffen können, sollte man als Journalist ebenfalls nicht zu schnell urteilen.

 

Krisengeschüttelt 4 Februar, 2009

Gespeichert unter: Krise — fantasmagorique @ 10:47

Nach mehreren Monaten Pause nun heute die Rückkehr. Mit einem Paukenschlag. Und er klingt so: Krise!

Krise überall, und wir mittendrin. Alles fing ganz harmlos mit einer Finanzkrise an, mündete in eine Wirtschaftskrise, und etwa zeitgleich erreichte mein Blog eine Struktur- und Identitätskrise. Nun bin ich wieder da. Mit einer inhaltlichen Neuausrichtung und neuen Ideen im Gepäck. Und der Auslöser ist, wie soll es anders sein, eine Krise.

Man könnte sie mit Sinnkrise umschreiben. Wenn man dieses Wort bei Google eingibt, so trifft man recht schnell auf die Beschreibung, dass es sich dabei um einen Zustand handelt, in dem man wirklich unzufrieden wird.

Das alles hat aber weniger mit dem Leben zu tun, sondern mit der Art und Weise, als junger Absolvent sein Geld zu verdienen. Grundsätzlich kann ich mich nicht beklagen, da ich nun für achtzehn Monate über ein regelmäßiges Einkommen verfügen werde. Das Problem ist vielmehr woanders zu suchen.

Da diese Zeiten der Massenkrisen auch erneut alte Bekannte wie Herrn Marx und den nicht zu unterschätzenden Herrn Keynes wiederauferstehen lassen, möchte ich mich wie folgt ausdrücken: Nach der klassischen Arbeitswerttheorie ist es für den Produzenten notwendig, dass der Arbeiter mit seiner Leistung einen Mehrwert erarbeitet, welcher die reinen Reproduktionskosten überschreitet. Für den Arbeiter selbst beinhaltet diese Zeit jedoch keinen Wert. Der Gewinn des Produzenten ergibt sich gemäß dieser Auffassung letztlich aus der Ware Arbeitskraft.

Im Studium habe ich mich sehr viele Monate mit dieser Theorie beschäftigt  habe jedoch immer die Realitätsnähe vermisst. Nun ist sie da. Und da ist auch wieder die Sinnkrise.

Jeden Tag bin ich fünf Stunden unterwegs, um ins Büro und auch wieder nach Hause zu kommen, doch nie habe ich das Gefühl, dass dieser Tag mit einer sinnvollen Tätigkeit gefüllt war. Ich suche verzweifelt nach dem Wert. Auch ist es erschreckend, wie die Menschen vor Ort scheinbar nichts von den Veränderungen um sie herum mitbekommen. Die Banken kollabieren, die ersten Anzeichen einer neuen Entlassungswelle sind unübersehbar, doch die Menschen rühren in einer Seelenruhe den Instantkaffee in eine Prozellantasse mit aufgedrucktem Glücksklee, um ihn dann in einer langen Pause in kleinen Schlucken zu trinken.

Man könnte meinen, der Gesellschaft wäre der Ernst der Lage entgangen, und darum möchte ich an dieser Stelle auf den lesenswerten Artikel von Marc Brost und Bernd Ulrich aus der ZEIT verweisen.  Sie sprechen genau das aus, was ich gerne zu meinen Kollegen im Büro sagen würde: „Jetzt mal ehrlich“